Schmerz

Der verschärfte Lockdown, verstärkt noch durch die vielen trüben Tage seit Weihnachten, schlägt deutlich auf meine Stimmung. I., mit der ich darüber sprach, bestätigte, daß es derzeit vielen so geht. Anders als beim ersten Lockdown entsteht der Eindruck, daß es so immer weitergehen wird und alle paar Tage neue Einschränkungen kommen. Das Neuste ist das Gebot, öffentliche Verkehrsmittel und Geschäfte nur noch mit FFP2-Masken betreten zu dürfen. Nun habe ich meine Einkäufe seit Einführung der Maskenpflicht schon auf das Notwendigste reduziert, öffentliche Verkehrsmittel benutze ich nur, wenn ich meine Mutter in Münster besuche. Ich finde FFP2-Masken nicht nur ultrahässlich (mein Bruder nennt sie „Kaffeefilter“), es ist auch sehr anstrengend, durch sie zu atmen, jedenfalls wenn man sie korrekt anlegt. Gesund ist das nicht. Vielleicht schützt diese behinderte Atmung vor Viren, vor allem aber, eine banale Erkenntnis aus der Körpertherapie: je flacher wir atmen, desto weniger fühlen wir.

In den letzten Tagen befand ich mich in einem sehr lange nicht dagewesenen Gemütszustand. Wellen von Schmerz durchfluteten mich, wieder und wieder. Ich konnte sie ganz deutlich im Herzraum, genau hinter meinem Brustbein spüren. Es schien, als käme der ganze Schmerz der Welt zu mir, Schmerz über meine Gattung, die gerade dabei ist, einen erweiterten Suizid zu begehen, dazu mein ganz persönlicher Schmerz über all das, was ich irgendwann Menschen angetan habe, die ich geliebt habe und der Schmerz meiner Mutter über den Verlust ihrer Selbstständigkeit. Etwas in mir übernahm – ich kann es nicht „ich“ nennen – und erlaubte dem Schmerz da zu sein und zu kommen und zu gehen, wieder zu kommen und zu gehen. Und während der ganzen Zeit lebte ich weiter mein gewöhnliches Leben, ging spazieren, kochte, zeichnete, strickte, lernte Französisch, telefonierte, machte Yoga. Irgendwann fiel mir Joanna Macys „Work that reconnects“ ein: sie würdigt die mächtigen Gefühle wie Schmerz, Verzweiflung und Wut angesichts des Zustands der Welt. Es ist so wichtig, sie ganz und gar zu fühlen und erst mal nicht zu wissen, was wir tun können. Ich las in Joanna Macys Buch Die Reise ins lebendige Leben die Geschichte von den Shambala-Kriegern, die in der heutigen Zeit, in der alles Leben auf der Erde bedroht ist, mit großer Tapferkeit in die Zentren der barbarischen Mächte gehen, um deren Waffen zu entschärfen. Um das zu tun, „müssen sie in die Korridore und Schaltzentralen der Macht gehen, wo die Entscheidungen gefällt werden. Die Shambala-Krieger haben den Mut, dies zu tun, weil sie wissen, daß diese Waffen manomaya, ‚vom Verstand gemacht‘ sind. Vom menschlichen Geist geschaffen, können sie auch vom menschlichen Geist entschärft und zerstört werden. Die Shambala-Krieger wissen, dass die Gefahren, die das Leben auf der Erde bedrohen, nicht von außerirdischen Mächten, satanischen Gottheiten oder der Vorsehung eines bösen Schicksals ausgehen. Sie erwachsen aus unseren Entscheidungen, aus unserer Lebensweise, aus unseren Beziehungen.“

Heute nahm ich wieder meine tägliche Nachrichtendosis zu mir, höchstens 10 Minuten. Corona hat die Tendenz über Katastrophen und sonstwie Unangenehmes zu berichten maximal verstärkt. Wer Nachrichten hört/sieht läuft Gefahr, schnell in eine finstere Gemütsverfassung zu geraten, in der unsere Welt ein schlechter Platz ist, die Menschheit nur Scheiße macht und ein kleines Virus uns alle töten will. Und das stimmt einfach nicht. Es gibt genug Beispiele für gutes gelingendes Leben, für Zusammenarbeit, für große Hilfsbereitschaft und Solidarität, für alternative Lebensformen, für sich selbst regulierende Gemeinschaften. Ich denke da z. B. an Rojava in Syrien, wo Frauen verschiedener Ethnien sich daran gemacht haben, sich selbst zu organisieren, um gut leben zu können. Ganz ohne Herrschaft übrigens. Das ist der reine Anarchismus und eigentlich etwas ganz Altes und Ursprüngliches, das in den vielen Jahrtausenden vor der Entstehung des Patriarchats die Norm war: egalitäre herrschaftsfreie Gesellschaften, in der Menschen sich als Teil der lebendigen Erde gefühlt haben. Es ist also gut für die Psyche, sich nicht auf die Mainstreammedien zu verlassen und noch andere Quellen aufzusuchen.

Ich finde es eine gute Übung, alles zu hinterfragen, besonders das, was als unumstößliche Fakten daher kommt. Ich weiß, daß die Mainstreammedien tendenziös, also im Sinne der Herrschenden berichten. Das hat nichts mit Böswilligkeit zu tun – naja, vielleicht manchmal doch – sondern damit, daß die meisten aus einer Quelle schöpfen. Oft hat es auch mit Angst zu tun. Wir sehen ja gerade in der heutigen Zeit, was mit denen passiert, die eine andere Geschichte erzählen. Im schlimmsten Fall werden sie psychisch vernichtet wie Julian Assange. Neulich habe ich irgendwo gelesen, daß man seinen Kindern Bewegungen wie die Querdenker erklären soll: Das sind Quatschdenker. Ich kenne keinen Querdenker persönlich, wie kann ich dann also wissen, ob sie Quatsch denken. Als ich ein Kind war, hat man uns in der Schule eingebläut, die Russen seien die Bösen und der Kommunismus das schlimmste Übel. „Lieber tot als rot“ war einer der Slogans. Ich habe damals schon nicht verstanden, was am Totsein denn nun besser sein soll. Was passiert, wenn immer nur über das Schlechte in der Welt berichtet wird, ist bekannt. Menschen hören nicht mehr hin, stumpfen ab, schützen sich auf diese Weise gegen das Bombardement der Schockmeldungen. Und hören auf, nach lebensfördernden Wegen zu suchen. Das ist sicher praktisch für die Herrschenden, aber ganz schlecht, wenn wir eine schönere Welt schaffen wollen.

Meine Mutter, die ja einen großen Teil ihrer Jugend im Krieg gelebt hat, erzählte mir neulich folgende Geschichte: sie rastete mit ihrer Freundin während einer Fahrradtour in der Lüneburger Heide und sah über sich englische Flugzeuge. Sie wusste, daß die bis zum Rand mit Bomben vollgepackt und auf dem Weg nach Berlin waren, um sie dort abzuwerfen. Im Rückblick war sie schockiert über ihre eigene Gefühllosigkeit angesichts dieser Tatsache. Für sie zählte an diesem Tag nur, daß sie die Sonne und den Ausflug genoss. Ich finde aber: wie gut, daß sie trotz der ungeheuerlichen Vernichtungsmaschinerie den Tag genießen konnte.

Zum Schluss noch was Schönes von Charles Eisenstein passend zum Thema: https://charleseisenstein.org/essays/Der%20Zyniker%20und%20der%20Bootsbauer/

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