Morphisches Feld

Damwild, von meinem Garten aus gesehen

Heute machte ich meinen gewohnten Donnerstagsausflug in die Stadt, ging zum Markt, brachte die Utensilien vom Käsefondue zurück ins Blé noir und holte ein telefonisch bestelltes Buch aus meinem Lieblingsbuchladen ab. Ich vermeide Internetbestellungen. Die Ladenbesitzer*innen lassen sich was einfallen, um weiter existieren zu können und ich unterstütze sie, wo ich kann. In einem Geschäft kam ich mit der Besitzerin ins Gespräch und wir stellten fest, daß wir eine ähnliche Haltung zum Geschehen haben. Während ich die Vorstellung mag, daß die Erde uns das Virus geschickt hat, um uns zu einem radikalen Systemwechsel zu zwingen, glaubt sie, daß die geistige Welt dahinter steckt. Meinetwegen auch das. Wir beide hadern hin und wieder mit den Zwängen, mit denen wir überzogen werden, und finden glücklicherweise immer wieder Möglichkeiten uns runterzuregulieren. Einig waren wir uns auch an dem Punkt, daß wir überhaupt nicht wissen, ob der notwendige Systemwechsel sich ereignen wird oder ob wir als Spezies mitsamt anderen Arten zu Grunde gehen werden. Apropos zu Grunde gehen: das kann man ziemlich wörtlich nehmen, nämlich auf den Grund, auf die Erde zurückgehen, wieder in Verbindung mit unseren Wurzeln kommen, statt weiterhin dem seltsamen Glauben anzuhängen, wir seien getrennt. Meine ohnehin schon sehr gute Laune hob sich um einige weiteren Grade.

Mein Französischunterricht findet jetzt per Zoom statt. Das ist neu für mich und hat gut geklappt. Das Institut français ist ja auf Teilnehmeri*innen angewiesen, sonst können sie ihren Laden dicht machen. Immerhin können wir uns auf diese Weise ohne Maske sehen. Nach dem Unterricht sah ich den zunehmenden Mond und freute mich. Die Tage mit klarem Himmel sind seit vielen Wochen so rar.

Zu meinem Geburtstag im November hat mir die liebe B. die Teilnahme an dem Online-Kongress Die Reise deines Lebens geschenkt (diereisedeineslebens.de, kostet 9 Euro). Ich bin aber erst in den letzten Wochen dazu gekommen, mir die Interviews anzusehen. Ich habe da einige Inspirationen gefunden. Sehr gut haben mir der Neurobiologe Gerald Hüther, der grönländische Schamane Anaangaq und der Kinder- und Jugendpsychiater Milan Meder gefallen. Aber gestern hat das Interview mit der großartigen Vivian Dittmar alles getoppt! So eine inspirierende kluge Frau! Ich war so geflasht, daß ich lange gar nicht einschlafen konnte. „Der Planet braucht unsere Kooperation“, war eine ihrer Aussagen, die bei mir viele Assoziationen ausgelöst hat. Vorletztes Jahr während eines der Seminare mit Ilan Stephani sagte ich, die Menschheit habe es nicht besser verdient, wenn sie unterginge. Ilan entgegnete ganz freundlich: „Daß du so sprichst, ist ein Traumasymptom.“ Ja, das wird wohl so sein, wir sind ja kollektiv traumatisiert. Und ich will sehr gern zu denen gehören, die aus der kollektiven Trance erwachen, die uns alle an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Gut möglich, daß das Coronavirus unser Verbündeter im Prozess der Erwachens ist. Vivian sprach von den morphischen Feldern, einer Hypothese des englischen Biologen Rupert Sheldrake. Vereinfacht gesagt sind das sowas wie Felder, in denen etwas Neues Gestalt annimmt und die ungefähr zeitgleich an verschiedenen Stellen der Erde Veränderung bewirken. In der Wissenschaft ist Sheldrakes Hypothese sehr umstritten, wie immer, wenn eine*r daher kommt und an alten Weltbildern rüttelt. Das wissen wir seit Galilei und Kopernikus. Neulich dachte ich darüber nach, wie es passieren konnte, daß ich mich mit 14 Jahren der 68er-Bewegung anschloss. Ich konnte es mir nicht wirklich erklären. Irgendetwas in mir ging in ganz starke Resonanz mit dieser großen Welle, ich musste einfach mitmachen. Das hat mir damals enorme Schwierigkeiten gebracht, vor allem mit meinem Vater, der mich mit allen Mitteln davon abringen wollte. Auch in der Schule wurde es nicht einfacher, als ich anfing, Lehrer*innen mit meinen radikalen Ansichten vor den Kopf zu stoßen. Und die Jungen, für die ich gerade anfing mich zu interessieren, hatten auch keine Lust auf ein politisch aktive Freundin. Aber ich konnte einfach nicht anders. Heute glaube ich, daß ich da in ein morphisches Feld geraten war. Ein anderes Wort dafür ist vielleicht Zeitgeist. Diese Bewegung breitete sich ja zur selben Zeit auch in Frankreich, USA und Italien aus, sie lag förmlich in der Luft.

Ich weiß also nicht, wie es weitergeht, ich habe noch nicht mal eine vage Vorstellung. Was ich aber ganz sicher weiß: der große Wandel, von dem auch Joanna Macy spricht, kann nur absolut gewaltfrei geschehen. Manche in meinem Umfeld sagen, die Menschen seien mittlerweile gereizt und unsolidarisch geworden. Ich kann das nicht bestätigen. Im Gegenteil erlebe ich ganz viel Freundlichkeit, Offenheit und ein enormes Interesse an Austausch. Heute war also so ein Tag, wo ich die Krise, in der wir uns seit fast einem Jahr befinden, als spannende Herausforderung sehen konnte. Darüber freue ich mich.

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