Holles Blog

Traum

Frühstück in Münster

Heute Nacht träumte ich, daß mein Auto nicht auf dem Platz stand, auf dem ich es abgestellt zu haben meinte. Besorgt, daß es geklaut worden war, machte ich mich auf die Suche und erlebte dabei einige seltsame Sachen. Ich wachte auf, ohne das Auto gefunden zu haben und war sehr erleichtert, daß alles nur ein Traum gewesen war. Mit der Gewissheit , daß mein Auto vorm Haus stand, schlief ich wieder ein. Als ich dann morgens dabei war, mein Frühstück vorzubereiten, erinnerte ich mich an den Traum und dabei fiel mir ein, daß ich mit genau diesem Auto durch die Gegend gefahren war, um es zu suchen. Im Traum ist mir das gar nicht aufgefallen. Das war noch absurder als der Klassiker, daß eine ihre Brille sucht, die sie die ganze Zeit auf der Nase hat.

In den letzten Wochen war ich sehr beschäftigt. Ich war mit meiner Tochter in Münster und wir haben angefangen, die Sachen meiner Mutter zu sortieren und die Papiere zu sichten. Wir haben viel getan, es uns aber auch gut gehen lassen. Ich bin wie beim letzten Mal mit dem Auto gefahren, weil die Deutsche Bahn immer chaotischer wird. Man weiß nie, ob man überhaupt ankommt und eine massive Verspätung ist mittlerweile die Regel. Die Bahn ist genauso kaputtgespart worden wie das sogenannte Gesundheitswesen und ich habe den starken Verdacht, daß das Absicht ist. Die Bahn macht übrigens Reklame damit, daß sie klimafreundlich fährt. Was dabei aber nicht erwähnt wird, ist der Umstand, daß die Zugfahrer teilweise mit Flugzeugen zurücktransportiert werden. Ich habe übrigens immer stärkere Zweifel an der Geschichte vom menschengemachten Klimawandel. Damit ich richtig verstanden werde: es gibt einen Klimawandel, das merken wir alle. Aber haben wir ihn verursacht? Es gibt Wissenschaftler, die das anders sehen und mir hat vor einiger Zeit ein Essay von Wolf-Dieter Storl in seinem Buch Einsichten und Weitblicke eine neue Perspektive eröffnet. Es wird ja heute gern gesagt, man solle auf die Wissenschaftler hören. Aber wir haben bereits beim C-Thema gesehen, daß die Wissenschaftler keineswegs einer Meinung sind. Allerdings wurden diejenigen unter ihnen, die das Leitnarrativ vom supergefährlichen Virus und der Notwendigkeit einer „Impfung“ mit einem experimentellen gentechnisch hergestellten Stoff anzweifelten, aus dem öffentlichen Diskurs gekickt, bedroht und öffentlich diffamiert. Zurück zum Klimawandel: die Erde hat wie jeder lebendige Organismus Zyklen, das war auch in der Vergangenheit so. Richtig gefährlich finde ich die technokratischen Ideen diesen Wandel aufzuhalten, z. B. die Reduktion von CO2 oder die Verdunkelung der Sonne. Ohne CO2 gibt es keine grünen Pflanzen, ohne grüne Pflanzen gibt es keine Luft zum Atmen.

Egal aber, ob der Klimawandel menschengemacht ist oder nicht: Es ist keine gute Sache, Kohle, Erdöl und Uran aus der Erde zu holen, weil damit unglaublich viel Zerstörung verbunden ist. Und mittels Fracking Gas zu gewinnen, ist natürlich das Allerletzte. „Keep it in the ground“, haben die First Nations, auf deren Gelände sich Uran befindet, immer wieder zu Recht gemahnt.

Gestern ist die neue Brennstoff mit sehr interessanten und ermutigenden Artikeln gekommen. Da wird etwa erzählt, welche Rolle Thérésa Cabarrus bei der Beendigung der Schreckensherrschaft von Robespierre, St. Just und Couthon nach der französischen Revolution gespielt hat. Davon habe ich im Geschichtsunterricht nichts gehört. Oder der Artikel über den Wétiko (auch Wendigo genannt), eine Wesenheit, die manchmal von Menschen Besitz ergreift und sie zu unersättlichen Ungeheuern macht. Die Indigenen Nordamerikas haben den weißen Siedlern die Diagnose gestellt, kollektiv von diesem soziopathischen Monster besessen zu sein und alles zu zerstören. Das ist die allerschlimmste Pandemie. Wie immer werden im Brennstoff klare Worte gefunden und ich muss an dieser Stelle den Herausgeber und Mitautor Heini Staudinger loben, der sich nicht scheut, heiße Themen offen anzusprechen. Der hat wirklich Eier! Diese Zeitschrift gibt es auch online: https://brennstoff.com/ausgaben/ansteckungsgefahr/

Die Oya, die ich solange so gern gelesen und empfohlen habe, hat dagegen eine enttäuschende Entwicklung gemacht. Das C-Thema wird seit zwei Jahren irgendwie krampfhaft vermieden. Außerdem kommen in ihr jetzt häufiger junge woke Autor*innen zu Wort. Dieses Woke-Sein ist ja voll im Trend; ich finde es nur unangenehm und glaube kaum, daß unser Leben dadurch besser wird. Mal schaun, wie es weitergeht.

Schuldzuweisung

Nachdem ich von mehreren Menschen in meinem Umfeld davon gehört habe, habe ich mir heute das Interview mit der südafrikanischen Außenministerin zum Krieg in der Ukraine angesehen. Sehr toll, wie die Frau auf freundliche, aber sehr klare Weise dem Drängen des Journalisten widersteht, Russland als Schuldigen am Krieg zu brandmarken und sich an Sanktionen zu beteiligen: https://www.zdf.de/nachrichten/heute-journal-update/g7-suedafrika-verlangt-diplomatische-loesung-100.html

Dagegen sieht ihr Interviewpartner mit seinem ständigen Insistieren und seinen manipulativen Fragen richtig alt aus. So eine Außenministerin wünsche ich mir für Deutschland! Sie hat so recht mit ihrer Aussage, daß die Sanktionen gegen Russland vor allem die kleine Leute in aller Welt treffen. Auch wir in Deutschland werden von unserem Energieminister ständig eingenordet, daß wir uns warm anziehen müssen, daß alles knapp werden wird, daß wir uns auf harte Zeiten einstellen müssen. Was soll das eigentlich? Angeblich soll Russland bestraft werden und ihr bestraft uns!

Mit dem Bedürfnis, einen Schuldigen zu finden und an den Prangerzu stellen, haben wir es in den letzten Jahren deutlicher denn je zu tun, jedenfalls erscheint es mir so. Da waren z. B. diejenigen schuld am Andauern der Pandemie, die sich der sogenannten Impfung verweigerten. Oder die, die keine Masken trugen, die Quarantäne nicht einhielten, sich nicht an den Lockdown hielten usw. Jetzt steht Russland am Pranger und alle, die dabei nicht mitmachen, werden gedisst. Wem dienen Schuldzuweisungen? Ich glaube, wenn man einen Schuldigen benennt, ist man selbst fein raus und muss sich seine eigene Rolle im bösen Spiel nicht mehr ansehen. Dann kann man sich auf der Seite der Guten fühlen. Aber hilft das weiter? Hört davon der Krieg auf? Müssen wir dann im nächsten Winter nicht frieren? Verpisst sich dann das Virus auf Nimmerwiedersehen?

Rutger Bregmann sagt in seinem wunderbaren Buch Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit: Wenn man von Menschen denkt, daß sie schlecht sind, dann werden sie genau das auch sein.

Es könnte ein revolutionärer Akt sein, Menschen für grundsätzlich gut zu halten.

Plagen

Jede Person, die einen Garten betreut, kennt das: es gibt Tiere, die gern mitessen, was eine gesät hat und hegt und pflegt. Da kann dann schon mal Verzweiflung aufkommen, wenn die Nacktschnecken nach stundenlangem Dauerregen sämtliche Buschbohnenpflanzen vernichtet haben oder das Damwild nachts den Garten aufsucht und alles futtert, was eine selbst gern essen würde. Dieses Jahr kamen bei mir dann die Kartoffelkäfer dazu, mit denen ich in den mehr als zwanzig Gartenjahren bisher noch keine Bekanntschaft gemacht hatte. Ich befragte meine Gartenbücher, das Internet und eine Gärtnerin am Biogemüsestand auf dem Kieler Blüchermarkt. Sie riet mir, mit Neem zu spritzen. Es klang so, als habe sie damit reichlich Erfahrung.

Nun habe ich  mittlerweile längst gelernt, daß das Etikett Bio keine Garantie dafür ist, daß man andere Lebewesen respektiert. Ich halte es  sogar für möglich, daß sehr kleine Betriebe ihr Land oder ihre Tiere manchmal besser behandeln als solche, die sich eine Biozertifizierung leisten können. So nehmen z. B. auch viele Demeterbetriebe, die ja den allerbesten Ruf haben, die Kälbchen nach wenigen Tagen ihren Müttern weg. Und ein Geflügelhalter, der mehrere Tausend Hennen hält, kann in meinen Augen keine artgerechte Tierhaltung garantieren.

Die Idee, die Kartoffelkäferlarven mit Neempräparaten zu vergiften, finde ich aus mehreren Gründen nicht akzeptabel: ich möchte gern wissen, warum sie bei plötzlich auftreten. Wolf-Dieter Storl sagt dazu, daß gesunde Pflanzen kaum davon betroffen sind und daß es am Boden liegen könnte. Also möchte ich gern wissen, wie ich dem Boden helfen kann, gesund zu werden. Ein weiterer Grund ist, daß ich keine Tiere töte, nur weil sie mein Gemüse und meine Früchte essen. Das steht mir einfach nicht zu. Sie haben ja wie alle Wesen eine Aufgabe, auch wenn ich die nicht immer in ihrer Komplexität verstehen kann. Schnecken sammle ich jeden Abend und bringe sie weg. Ich rede sogar mit ihnen, freundlich natürlich. Das kostet ein wenig Zeit, aber dabei sehe ich dann auch, wie es den Pflanzen so geht. Und da ich in diesem Jahr eine gigantische Erdbeerernte habe, die Früchte reichlich verschenke, wochenlang täglich gegessen, zweimal Erdbeertorte gebacken habe und mittlerweile keine Erdbeeren mehr sehen kann, dürfen die Schnecken sich auch gern darüber hermachen. Es gibt noch einen dritten Grund: wenn im morphogenetischen Feld die Botschaft auftaucht, daß sogenannte Schädlinge massenweise vernichtet werden, entwickelt die Natur Ausgleichstrategien, etwa die Entwicklung von Resistenzen gegen Gifte oder eine Vervielfachung des Nachwuchses. Denn Leben möchte leben. Möglicherweise sind die Nacktschnecken erst deshalb zu einem so großen Problem geworden, weil sie so brutal verfolgt werden.

Ich habe jetzt die Erde unter den Kartoffelpflanzen mit Wurmfarn gemulcht. Ob das was bewirkt, wird sich zeigen. Es soll abwehrend, jedoch nicht tödlich wirken. Mal schaun.

 

Gestern habe ich nochmal einen Beitrag des afrikanischen Philosphen Báyò Akòmoláfé in der Oya #66 gelesen, den ich ziemlich gut finde. Über diesen Autor bin ich übrigens auf das großartige Buch The Holy Wild – A Heathen Bible for the Untamed Woman von Danielle Dulsky gekommen (habe ich an anderer Stelle drüber geschrieben). Báyò Akòmoláfé zitiert ein afrikanisches Sprichwort: When times are urgent, let us slow down (Wenn die Zeit drängt, lass uns langsam machen). Das finde ich ein großartiges Motto und kann es mir jeden Tag mindesten dreimal selbst sagen. Denn ich neige, wie wohl viele Menschen in meinem Umkreis dazu, nach schnellen Lösungen zu suchen, wenn ein Problem auftritt, siehe oben das Problem mit den Tieren im Garten. Ich zitiere ihn mal: „Der Klimawandel hat uns einen Schlag versetzt, also müssen wir zurückschlagen: wir wurden vom reichen 1 Prozent der Weltbevölkerung ausgebeutet, also müssen wir dafür sorgen, daß das Blatt sich wendet; afrikanische Kinder versagen bei einfachen Rechenaufgaben und sind schlecht in der Schule, also schicken wir ihnen Laptops und Geld, um Schulpulte anzuschaffen; die Menschen im Globalen Süden leben von weniger als 1 Dollar pro Tag, also gründen wir Entwicklungshilfeprogramme, und bis diese soweit sind, bieten wir diesen Menschen Kredite an; und wenn uns Traurigkeit überkommt , müssen wir schnell ‚darüber hinwegkommen’… Diese Reaktionsmuster lassen uns einen inneren Monolog aufrecchterhalten, bei dem wir uns selbst immerzu von unserer eigenen Handlungsmacht erzählen. Wir behandeln die Welt, als würde sie sich um uns drehen, als wären wir dazu gemaccht, sie zu reparieren…“

Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden: das ganze C-Thema mit dem Lockdown-, Masken- und Impfaktivismus gehört zu den aktuellsten Bespielen. Oder Putin hat die Ukraine angegriffen, also müssen wir jetzt schwere Waffen liefern und die Russen vernichten. Ich glaube, es wäre gut, uns allmählich darüber bewusst zu werden, daß wir keine Kontrolle über die Welt haben und alle unsere Kontrollversuche vor allem Schaden anrichten, ob es jetzt um den Klimawandel geht (an dessen menschengemachter Ursache ich immer mehr zweifle). Oder anders gesagt: wir sind doch nur ein Teil des großen Ganzen. Wie wäre es also, einfach mal die Dinge sich selbst zu überlassen? Ja, wie gesagt: das kann ich mir immer wieder selbst sagen.

Das wurde gestern aus den vielen Johannisbeeren – sehr lecker!

Boule

Diese Woche war voll mit Terminen und anderen Verpflichtungen. Einer davon war ein Kräuterkurs, der auf Anfrage zustande gekommen war und außer der Reihe am Mittwoch stattfand. Neun Menschen waren als geschlossene Gruppe angemeldet. An den Tagen davor haderte ich und fragte mich, warum ich mir nicht ein gemütliches Rentnerinnenleben erlaube. Aber dann war das Zusammensein mit diesen Menschen so angenehm und erfreulich, wie ich es mir gar nicht hatte vorstellen können. Sehr schöne Gespräche, sehr aufgeschlossene Menschen! Ich fühlte mich wie ein Fisch im Wasser. Zum Schluss saßen wir zusammen im Garten und aßen gemeinsam, was ich gekocht und die Anderen mitgebracht hatten. Das Wetter war auch ausgesprochen entgegenkommend.

Nach dem Aufräumen ging es weiter zum Französischunterricht ins Kieler Institut français. Traditionellerweise bringen wir am letzten Tag vor den Ferien alle etwas Leckeres mit und tafeln dann gemeinsam. Das Tischgespräch findet dann natürlich auf Französisch statt. Wir haben einen Lehrer, der den Bogen einfach raus hat und mit dem der Unterricht Spaß macht. Zum Schluss erklärte er uns dann mit Hilfe von Zeichnungen an der Tafel die Regeln des Boule. Denn gestern fand ein vom Institut français organisiertes Bouleturnier mit großem Buffet auf dem Hof unserer Schule in Kiel statt. Ich hatte bis dahin noch nie im Leben Boule gespielt, obwohl ich mindestens zehnmal in Frankreich war und unzählige Male an den Plätzen vorbeigekommen war, wo überwiegend Männer die Kugeln warfen. Ich konnte darin nichts Spannendes erkennen.

Seit gestern habe ich meine Meinung geändert. Es gab drei Durchgänge mit jeweils zwei Mannschaften à drei bis vier Personen, die auf mehreren nebeneinander angelegten Boulebahnen spielten. In den Pausen wurde geschlemmt, während unser Lehrer die Punkte aufschrieb. Unsere Mannschaft hat am Ende sogar gewonnen, was aber mehr unserem Glück als unserem Können geschuldet war. Man feuerte sich gegenseitig an, neckte die Gegner, rannte nach fast jedem Wurf nach vorn, um zu schauen, wie nah die eigenen Kugeln am Schweinchen (le cochonnet) lagen. Manchmal brauchte es auch einen Zollstock, wenn zwei Kugeln gleich nah zu liegen schienen. Es wurde gelacht und geschrien und zum Schluss haben wir uns mit unseren Gegnern abgeklatscht. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Ich bin eigentlich keine Spielerin, zum Leidwesen meiner Kinder, die von ihrem Vater die Spielleidenschaft mitbekommen haben. Ein ehemaliger Kollege hat mal versucht, mir Doppelkopf beizubringen, was aber wegen mangelndem Interesse meinerseits zum Scheitern verurteilt war. Ich vergesse alle Regeln ziemlich schnell wieder. Na ja, außer von Memory und Halma, aber ersteres spiele ich auch nicht mehr gern, da ich immer verliere. Als Kind habe ich oft gewonnen (oder mein Bruder), aber es scheint schon zu stimmen, daß im Alter das Gedächtnis ziemlich nachlässt. Zwischen den Spielen wurde gegessen, getrunken und man lernte sich besser kennen, als das im Unterricht möglich ist.

In der Nacht fing es an, ausgiebig zu regnen, was den ganzen Tag mehr oder weniger weiterging. Ein Segen für den Garten, die Regentonnen und für mich, weil ich endlich mal ohne schlechtes Gewissen ausschlafen konnte.

Fühlen

Mein Sohn hat mir einen Link zu einer Dokumentation geschickt, die mich in der Tiefe berührt hat: https://www.arte.tv/de/videos/104396-001-A/die-brotrebellen/

Es geht um einen Franzosen, der zunächst studiert hat, unter anderem Philosophie in Deutschland (im Film spricht er daher auch sehr gutes Deutsch) und dann irgendwann nach Tiflis in Georgien gegangen ist, dort eine Bäckerei eröffnet hat und Brot backt. Für sein Brot nimmt er eine alte Weizensorte, die so hoch wächst, wie ich das noch aus meiner Kindheit kenne und äußerlich wenig Ähnlichkeit mit unserem heutigen Weizen hat. Das Korn wird auf Feldern außerhalb der Stadt angebaut, die er wöchentlich besucht. Es wird deutlich, daß er eine ganz persönliche Beziehung zum Korn hat, aber auch zum Vorgang des Backens. Dabei ist er auch Philosoph: man spürt, daß er genau weiß, worum es geht, was den Namen Lebensmittel verdient, daß die Natur gibt, daß es keinen Sinn macht, etwas für sich zu behalten. Nebenbei sieht man, wie die Tiere im Dorf, das er besucht, leben. Auch diese Bilder erinnern mich ein wenig an meine Kindheit und daran, daß es mal viel bessere Zeiten für die domestizierten Tiere gab als heute (dabei wird mir seit einiger Zeit immer deutlicher, daß eine Biozertifizierung keine Garantie für artgerechte Tierhaltung ist und daß es manchmal besser ist, bei Bauern ohne Zertifizierung zu kaufen, wenn man sie persönlich kennt und weiß, wie die Tiere bei ihnen leben). Zurück zum Bäcker: Er lebt seine Leidenschaft, er ist mit seinem Herzen dabei. Das ist eine Form von Magie und die wirkt dann auch durch das Brot. Übrigens zog, während ich den Film sah, aus meiner Küche der schöne Duft des Roggenbrotes im Backofen zu mir herüber und erfreute mich.

Während des Films musste ich an ein Gespräch mit B. denken, in dem sie von einem Interview mit einer Frau erzählte, die sich wohl als Beziehungsspezialistin sieht und behauptet, daß es zwischen Männern und Frauen einen gravierenden Unterschied gibt: Frauen fühlen viel und Männer wenig. (Ich habe das jetzt wahrscheinlich etwas verkürzt dargestellt, aber so habe ich es jedenfalls verstanden). B. stimmte dieser Haltung zu und sah sich und ihren Freund darin gut dargestellt. Ich stimme dem allerdings überhaupt nicht zu. Als ich jung war, habe auch ich gedacht, daß Männer irgendwie gefühlsamputiert sind und dieses (Vor)urteil immer wieder bestätigt gefunden und darunter gelitten. Aber dann habe ich irgendwann begriffen, bzw. mich für die Einsicht geöffnet, daß Männer genau soviel und tief fühlen wie Frauen. Ich habe Männer kennengelernt, die viel expressiver sind als ich und ebenso solche, die tiefe Gefühle empfinden, diese aber nicht gut ausdrücken können.

Wie kommt nun dieses weitverbreitete Urteil zustande, daß Männer weniger fühlen als Frauen? Ich glaube, daß unsere Sozialisation seit mehreren tausend Jahren hart daran gearbeitet hat, den Männern das Fühlen auszutreiben. Es ist ja auch klar, daß Im Krieg Gefühle eher kontraproduktiv sind. In meiner Kindheit hörte ich oft den Satz: „Jungen weinen nicht.“ Männer hatten hart wie Kruppstahl zu sein. Und ich kann mir vorstellen, daß die Männer der Kriegsgeneration, die an der Front gewesen sind und Grausames gesehen haben, vielleicht auch gar nicht mehr fühlen wollten, weil es einfach zu schmerzhaft gewesen wäre. Dann wäre eine antrainierte Gefühllosigkeit eine Traumafolge. Übrigens: welche Frau wünscht sich denn eine gefühllosen Mann?

Noch ein Satz dazu: Frauen werden oft als die größten Kriegsopfer dargestellt. Daran habe ich mittlerweile Zweifel. Ich denke, daß Männer genauso Opfer sind, wenn sie in einen Krieg gezwungen werden. Sie kommen oft als emotionale Krüppel zurück. Mein Vater zum Beispiel, der nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen hat, hatte, seit ich mich erinnern kann, massive Schlafstörungen und war abhängig von Tabletten und später auch Alkohol.

Zum Schluss noch eine Buchempfehlung: Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit von Rutger Bregman, einem niederländische Historiker. Darin räumt er, gründlich recherchiert, mit dem vorherrschenden Glauben auf, daß die Menschen schlecht und vor allem schuld an allem Möglichen sind. Die alte Erbsündengeschichte lebt ja auch in nichtchristlichen Menschen hartnäckig weiter. Rutger Bregman outet sich zwar nicht als Anarchist, aber aus seinem Schreiben kann ich nur schließen, daß er einer ist. Es tut gut, dieses Buch zu lesen. Es zeigt, wozu Menschen fähig sind, wenn man aufhört, sie durch Schule, Staat und andere Institutionen zu gängeln. Wenn man sie also machen lässt, wenn sie ihrem Herzen folgen können. Und da bin ich wieder beim Film über den Bäcker in Tiflis: wenn Menschen ganz sie selbst sein können, dann sind sie soziale Wesen, die sich harmonisch ins große Ganze einfügen und jede*r auf seine und ihre Weise dem Leben dienen wollen. Alles wäre anders, wenn wir das alte Narrativ von der Schlechtigkeit der menschlichen Gattung auf die Müllhalde der Geschichte werfen könnten und uns daran machten, die zu sein, als die wir auf die Erde gekommen sind.

Land der ungemähten Wiesen

Die Asche meiner Mutter liegt jetzt in der Erde. Ihr großer Wunsch, eine schöne Feier, ist ihr erfüllt worden. Und obwohl Regen angesagt war und wir mit Schirmen ausgestattet zum Friedhof gefahren sind, schien dann doch die Sonne. Ich bin mir sicher, daß meine Mutter da die Hände im Spiel hatte. Irgendwie war das Ganze schön, auch wenn das jetzt vielleicht merkwürdig erscheint. Die Stimmung war gut, die Gäste waren so freundlich und zugewandt. Nichts war schwierig oder anstrengend. Und passend war auch, daß meine Mutter ihr Sterben in eine Zeit ohne Coronarestriktionen gelegt hat. So konnte alles ohne Maske, Test und sonstige Schikanen stattfinden. Allerdings trugen ein paar Ängstliche in der Friedhofskapelle noch Masken. Daß Masken eher schaden als nützen hat sich wohl noch nicht rumgesprochen.

Die größte Überraschung war, daß zwei Brüder, Spielkameraden aus meinen Kindertagen in Hannover, den weiten Weg aus Süddeutschland auf sich genommen hatten, um bei der Beerdigung dabei zu sein. Den Jüngsten habe ich zum letzten Mal beim 80. Geburtstag meines Vaters 2004 gesehen, den Ältesten vor vierzig Jahren bei der Beerdigung seines Vaters. Ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet und plötzlich standen sie da. Wir hatten uns viel zu erzählen und es war einfach schön.

Die Wohnung meiner Mutter liegt am Stadtrand. Drumherum gibt es viel Grün und schöne Parkanlagen, über denen ab und zu Störche kreisen. Es haben sich auch ein paar Höfe gehalten, von denen einer als Bioladen und Café genutzt wird. Schon im letzten Jahr ist mir aufgefallen, daß die Wiesen nicht gemäht waren. Nur am Rande hat man einen Streifen kahlgeschoren. Ansonsten erinnerte mich alles an die Wiesen meiner Kindheit, als man noch bunte Blumen pflücken und sich in ihnen verstecken konnte (Wo findet man die heute noch? Hier auf dem Lande jedenfalls nicht). Ich musste an die Worte einer Frau aus der Zeit der schamanischen Unterweisung durch Ute Schiran denken, die in ihren Trancen oft ins „Land der ungemähten Wiesen“ kam. So sehr ich mich über die ungemähten Wiesen freuen konnte, so schlimm waren die alltäglichen Geräusche in dieser Gegend: kein Morgen ohne sehr laute Geräte, etwa Rasenmäher, Laubbläser, Heckenscheren. Überall waren Männer mit oder ohne Ohrenschützer damit beschäftigt, ohrenbetäubenden Lärm zu machen. Dazu kamen die Flugzeuge und Hubschrauber. Letztere scheinen sich in den letzten zwei Jahren enorm vermehrt zu haben. Irgendwie wird es immer lauter. Wozu braucht man eigentlich Laubbläser? Sie machen nicht nur abscheulichen Krach, sie zerstören auch die Mikrofauna des Erdbodens. Vor noch nicht allzu langer Zeit haben Menschen stattdessen Harken benutzt. Wenn ich durch die Welt gehe, fallen mir immer mehr Sachen ein, die ich absurd finde und die ich gern verschwinden lassen möchte. Dazu zählen außer Laubbläsern und Elon Musks Satellitenkette Starlink die zahlreichen Funkmasten an den Straßen, die wegen der Navis und natürlich zur besseren Überwachung aufgestellt werden, und die Solar- und Windkraftanlagen. Mehr denn je stimmt das schöne Wort „Zuvielisation“. Ja, es ist alles zuviel: zuviel Technik, zuviel Strahlung, zuviel Lärm, zuviel Angst, zu wenig Freude. Oft denke ich: alles muss sich ändern.

Ich bin übrigens dieses Mal mit dem Auto gefahren und habe K. und M. mitgenommen. Die Deutsche Bahn funktioniert mittlerweile fast gar nicht mehr.

Emma Goldman

Ich habe an dieser Stelle schon einige Male einen Satz zitiert, der der Anarchistin und Feministin Emma Goldman zugeschrieben wird, nämlich daß eine Revolution, bei der sie nicht tanzen könne, nicht ihre Revolution sei. Jetzt habe ich erfahren, daß er in dieser Form gar nicht von ihr stammt. Tatsächlich hat sie in ihrer Autobiographie Living my Life Folgendes geschrieben: I want freedom, the right of selfexpression, everybody’s right to beautiful, radiant things.“ (Ich will Freiheit, das Recht auf Selbstausdruck, jedermanns Recht auf schöne und strahlende Dinge). Der Anlass dieser Worte war die Kritik eines jungen Mannes an ihrem ausgelassenen Tanzstil. Er bemängelte diesen als frivol und fand ihr Verhalten der „Sache“, also dem Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, nicht angemessen. Darauf reagierte sie dann nachvollziehbarerweise sehr zornig. Das erinnert mich an meine eigene Geschichte: als sehr junge Frau war ich einige Zeit Mitglied des Münsteraner Ortsgruppenvorstands der Liga gegen den Imperialismus, einer Schwesterorganisation der damaligen maoistischen KPD. Es herrschte dort ein strenges und äußerst lustfeindliches Regiment, was bedeutete, daß alle persönlichen Interessen dem „antiimperialistischen Kampf“ untergeordnet wurden. Das wurde auch immer wieder überprüft. Als mein damaliger Ehemann und ich beschlossen, ein Kind zu bekommen und ich dann recht schnell schwanger wurde, wurde ich vom Vorstandsvorsitzenden streng gerügt, das sei nicht politisch abgesprochen. Ich wurde von der Vorstandsarbeit suspendiert. Trotzdem habe ich dann noch einige Jahre in dieser Organisation zugebracht, wofür ich heute keine richtige Erklärung habe. Gelernt habe ich aus diesem und einigen anderen Vorfällen dann letztendlich dieses: wenn alles, was Freude macht und dem Herzen entspringt, einer „Sache“ geopfert wird, dann kann aus dieser „Sache“ nichts Schönes und Freudvolles entstehen. Sobald Selbstausbeutung und Selbstaufopferung eine Rolle spielen, ist es Zeit, schleunigst das Weite zu suchen! Heute bin ich richtig froh, daß wir damals keinen Erfolg gehabt haben; es wäre eine Diktatur dabei herausgekommen. Apropos Diktatur, hier ein weiterer Ausspruch von Emma Goldman: „[M]uch as I loathe Hitler, Mussolini, Stalin and Franco, I would not support a war against them and for the democracies which, in the last analysis, are only Fascist in disguise.“ (So sehr ich Hitler, Mussolini, Stalin und Franco verabscheue, würde ich keinen Krieg gegen sie und für die Demokratien unterstützen, die bei genauer Analyse nur Faschisten in Verkleidung sind). Danke Emma, du sprichst mir aus der Seele!

Während ich in Münster war, sind meine Bienen geschwärmt. Das ist nichts Ungewöhnliches um diese Jahreszeit. Das Besondere ist aber, daß dieser Schwarm in die leerstehende Bienenbehausung des Volkes eingezogen ist, das im Herbst bereits gestorben ist. Ich hatte den unbewohnten Top Bar Hive noch nicht ausgeräumt und sauber gemacht; es waren da also noch die alten Waben mit Honig und wahrscheinlich auch toter Brut sowie tote Bienen drin. Das hat den Schwarm nicht gestört: wahrscheinlich haben sie geputzt und aufgeräumt und das übernommen, was sie selbst gebrauchen konnten. Das nennt man dann wohl Schwarmintelligenz! Bemerkenswert ist noch etwas anderes: in den letzten Jahren haben sich einige Menschen der Erforschung des natürlichen Bienenverhaltens jenseits imkerlicher Eingriffe gewidmet. Einer von ihnen ist Torben Schiffer, der die Rolle des Bücherskorpions, eine kleinen Mitbewohners von gesunden Bienenvölkern, erforscht und viel berechtigte Kritik an den Praktiken der Imker, auch derer, die sich der „wesensgemäßen Imkerei“ verschrieben haben (also die Leute aus meinem Verein) geübt hat. Er hat z. B. festgestellt, daß Imker Massentierhaltung betreiben, wenn sie viele Bienenkästen dicht an dicht aufstellen. In der freien Natur halten Bienenvölker einen Abstand von mindestens 800 m. Nun habe ich bereits einiges an meiner Bienenhaltung geändert: ich arbeite nicht mehr mit der äußerst qualvollen Ameisensäure gegen die Varroamilbe und habe meine beiden TBHs auseinandergerückt. Ein Abstand von 800 m ist aber in meinem Garten nicht möglich, es sind in der Realtität nur ca. 8 m. Auch steht der neubezogene Kasten ziemlich in der Sonne, was im Sommer die Bienen viel Energie kostet, denn sie müssen für Kühlung ihrer Waben sorgen. Im Winter dagegen müssen sie viel Energie aufwenden, um sich zu wärmen, weil die Wände der Top Bar Hives recht dünn und nicht isoliert sind. Ich hatte den Plan, mit einem neuen System zu arbeiten, das ein Imker aus meinem Verein entwickelt hat. Das wäre allerdings erst ab dem nächsten Jahr möglich. Jetzt hat dieser Schwarm sich über all die Erkenntnisse von Torben Schiffer hinweggesetzt und beschlossen, mit einer suboptimalen Behausung vorliebzunehmen. Irgendwie macht mich das ziemlich froh, weil es mir mal wieder zeigt, daß Mutter Natur nicht nach unserer Pfeife tanzt.

Dieser Schwarm ist heute Mittag abgegangen und hat sich kurz im Apfelbaum meiner Nachbarn niedergelassen, um dann das Weite zu suchen. Gute Reise und möget ihr einen guten Platz gefunden haben!

In Frieden

Dieses schöne Bild von Banksy passt gut in die Zeit

Am 17. Mai hat meine Mutter ihr Erdenleben in Frieden beendet. Alles ist, auch wenn das jetzt komisch klingen mal, perfekt gelaufen. Eigentlich wäre mein nächster Besuch in Münster erst Anfang Juni geplant gewesen. Aber etwa zwei Wochen, bevor meine Mutter starb, erfuhr ich von meinem Bruder, der kurz vorher zu Besuch bei ihr gewesen war, einen Tag später dann vom Pflegeheim, daß es wohl nicht mehr lange dauern würde, weil sie die meiste Zeit schliefe und ihre Beine nur noch sehr unzulänglich mit Blut versorgt würden. Man bat mich, meine Einwilligung zum Absetzen sämtlicher Medikamente zu geben. Das tat ich sofort. Ich war auch damit einverstanden, daß das Palliativnetz mit der weiteren medizinischen Versorgung beauftragt wurde. Das hat sich als eine gute Sache herausgestellt: meine Mutter bekam Morphium gegen die Schmerzen, das in Rücksprache mit mir bei Bedarf angepasst wurde. Ich halte ja bekanntermaßen nur noch äußerst wenig von der derzeit praktizierten Medizin, die seelenlos und profitorientiert ist. Aber ich muss doch zugeben, daß bei meiner Mutter einige Sachen viel besser gemacht wurden, als ich es bei meinem Vater vor neun Jahren und bei Patienten in der Klinik erlebt habe. Man hat dazugelernt, indem man einem Sterbenden z. B. keine Flüssigkeit mehr zuführt, weil die Nieren die ersten Organe sind, die sterben und sich dann das Wasser in der Lunge sammelt. Gegen die Mundtrockenheit gab es ab und zu Sprühstöße aus einer Wassersprühflasche. Ich als Feindin von den allermeisten Medikamenten finde Morphium eine ziemlich gute Sache, mit der man großzügig umgehen sollte.

Perfekt war auch, daß ich am Wochenende vor dem Tod meiner Mutter nach Bonn fahren wollte, weil mein Sohn allen Familienmitgliedern den Besuch einer Vorstellung von Michael Hatzius (Die Echse) geschenkt hatte. Am Tag nach der Vorstellung bin ich dann mit meiner Tochter und ihrem Freund nach Münster gefahren. Meine Mutter hat mich sogar erkannt und mit meinem Kindernamen „Ise“ angesprochen. Das hat mich in der Tiefe berührt. Am nächsten Tag kam dann auch meine Sohn, um sie noch einmal zu sehen. Abends waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und Stefan sagte zum Abschied: „Oma, du kannst jetzt gehen. Alle sind bei dir gewesen. Nun kannst du endlich loslassen.“ Das hat sie sich offensichtlich zu Herzen genommen, denn wenige Stunden später war sie tot. Das Heim hatte versucht mich anzurufen, als die Atmung sich veränderte, aber offensichtlich nicht die richtige Nummer gewählt. So kam es, daß meine Mutter alleine starb. Vielleicht war es auch das, was sie wollte.

Wir alle waren vor allem erleichtert, denn sie hat in den letzten eineinhalb Jahren seit ihrem Schlaganfall nur noch sterben wollen. Das rapide Nachlassen ihres Sehvermögens, der zunehmende Autonomieverlust, die Abhängigkeit von Pflegepersonal, das nie genug Zeit hatte, hatten ihr schwer zugesetzt. Sie ist dann schnell dement geworden, was vielleicht auch ein Segen war.

Jetzt können wir ihr ihren großen Wunsch nach einer schönen Totenfeier erfüllen, so wie wir es ihr versprochen haben. Das Timing ihres Todes war auch perfekt, weil die Feier nicht durch irgendwelche nervigen Coronarestriktionen gestört wird. Übrigens gab es direkt nach ihrem Tod soviel zu erledigen: ihre persönlichen Sachen aus dem Zimmer im Pflegeheim räumen, das Bestattungsunternehmen aufsuchen und dort alles klären, ein Gespräch mit dem Pfarrer führen. Es wird jetzt eine Zeit brauchen, bis ich alles verdaut habe.

Ich habe nie eine besonders enge Beziehung zu meiner Mutter gehabt. Ich glaube auch, ich war ihr immer etwas fremd mit meiner Art und meinen Interessen. Aber ich habe von ihr Dinge mitbekommen, für die ich dankbar bin: mein Interesse an Sprachen, die Freude an Handarbeiten, besonders am Stricken, was sie mir beigebracht hat, als ich sechs Jahre alt war, das Interesse an gutem Essen und seiner Zubereitung. Und ich habe meine Mutter bewundert für ihre Energie und ihre Lebendigkeit. Sie ist bis zu ihrem Schlaganfall im Herbst 2020 körperlich und geistig aktiv und am Leben interessiert gewesen. Einen Monat vor ihrem Tod ist sie 95 Jahre alt geworden.

Ein schönes Ritual: im Rheinland stellen Männer ihrer Liebsten zum 1. Mai eine geschmückte Brke vor die Haustür

Ich war länger ohne Laptop, der wegen einer Reparatur beim Techniker war. Dabei hätte ich soviel zu schreiben gehabt. Das werde ich jetzt nach und nach tun. Hier kommt jetzt erst mal ein Link zum Blog der Künstlerin Cambra, in dem sie mir voll aus der Seele spricht: https://cambraskade.blog/2022/05/23/schnittmengen/

Ja, so ist es: als Pazifistin steht eine heutzutage ziemlich allein auf weiter Flur. Vor einiger Zeit habe ich hier mal geäußert – damals noch auf die Haltung zur geschürten Coronahysterie bezogen – daß sich jetzt die Spreu vom Weizen trennt. Das hört sich zugegeben erstmal ziemlich überheblich an. Was ich aber meine: es zeigt sich jetzt auch angesichts des Krieges, ob Menschen die Überzeugungen, die sie bislang öffentlich vertreten haben, auch tatsächlich leben. Und da stelle ich fest, daß es von bisher angeblich friedliebenden Menschen jetzt oft eine erschreckende Kriegsgeilheit gibt. Die Russen sollen mit allen Mitteln plattgemacht werden und Menschen wie Alice Schwarzer, die zusammen mit einigen anderen prominenten Personen einen offenen Brief an die Bundesregierung unterzeichnet hat, den Krieg in der Ukraine nicht mit Waffenlieferungen zu befeuern, werden aufs Übelste gedisst.

Ich bleibe dabei: Gewalt bringt immer nur neue Gewalt hervor. Oder mit dem alten so zutreffenden Spruch: „Bombing for peace ist like fucking for virginity.“ So isses!

Der Wald ist die Welt

Gestern fand ein schöner Kräuterkurs mit interessierten und angenehmen Frauen statt. Der hat mich für das verstörende Erlebnis im letzten Monat mehr als entschädigt. Damit so ein Tag erfreulich wird, braucht es nun mal beide Seiten.

Heute besuchte ich den Wald, in dem wir gestern waren, wieder. Bei Sonnenschein ist es dort besonders schön, weil sich dann der Duft der Kiefern so intensiv verströmt und in mir ein unglaublich wohliges Gefühl hervorruft. Ich sammelte Birkenblätter und mein Plan war, daß die Menge für den nächsten Frühling reichen sollte, im getrockneten Zustand also soviel, wie in ein 500 ml-Glas passt. Bisher habe ich die Blätter immer bei Kräuter-Pflug in Kiel gekauft. Das ist übrigens ein ziemlich guter Laden, in dem eine fast alles an Heilpflanzen und Gewürzen in guter Qualität bekommt. Manches sammele ich auch selber. Heute merkte ich mal wieder, wie zeitaufwendig das ist, selbst bei dieser überschaubaren Menge. Wenn sich noch mal Menschen bei mir beklagen, wie teuer Heilkräuter im Geschäft sind, dann werde ich ihnen sagen: „Sammle selbst und dann reden wir noch mal.“ Die Birken sind um diese Zeit so schön mit ihren feinen, glänzenden Blättern, die sich im Wind bewegen und fast durchsichtig sind, wenn die Sonne scheint. Sie bringen die Heiterkeit des Frühlings in meine Körperin und haben mir in der Vergangenheit schon einige Male geholfen, wenn ich Schmerzen in den Fingern und Handgelenken hatte. Vor vielen Jahren hat mir mal ein anthroposophischer Arzt den Tipp mit dem Birkenblättertee gegeben und mir erzählt, daß Menschen, die als Kinder früh intellektuell stark gefordert wurden, zu dieser Art von Schmerzen neigen. Für mich fühlt sich das wie gestaute Energie in den Händen an. Die Birke bringt alles wieder in Fluss.

Ich sammelte also und ging dabei in eine meditative Stimmung, hörte den Vögeln zu und genoss es im Wald zu sein. Ach, ich liebe Wälder einfach. Das war schon immer so. Ich gehe auch nachts in den Wald und fürchte mich nicht. Als Mitteleuropäerin habe ich den Wald in meiner DNA. Jetzt gibt es ja nur noch kleine Überreste davon, aber vor ca. 2000 Jahren war hier fast überall Wald. Der Wald war für die damaligen Menschen und die anderen Tiere die Welt.

Umso mehr macht mir zu schaffen, was im Reinhardswald geschehen soll, der einer der Wälder meiner Kindheit ist: dort soll eine Windkraftanlage mit über 200 m hohen Masten errichtet werden, der die Grünen in der hessischen Landesregierung zugestimmt haben. Ich habe dazu ein Video von Peter Wohlleben gesehen, der alles Wesentliche über Windräder im Wald sagt: https://www.facebook.com/PeterWohlleben.Autor/videos/479323976473734/

Ich träume von einem Lastenfahrrad, damit ich mein Auto nicht mehr so oft brauche. Eine Freundin, der ich davon erzählte, ging ganz selbstverständlich davon aus, daß es ein E-Fahrrad sein würde. Nein, wird es nicht. Ich will nicht dazu beitragen, daß für die Akkus Regenwälder in Südamerika abgeholzt werden. Und solange ich kräftige Muskeln habe, kann ich auch Fahrrad fahren.

Walpurgis

Walpurgis, das Maifest, ist eins der wenigen alten heidnischen Feste, das die Kirchen sich nicht einverleibt haben. Vielleicht, weil es ein Fest mit großer erotischer Kraft ist. Nachdem es wochenlang hier im Norden sonnig, dabei aber recht kalt gewesen ist, bricht seit einigen Tagen der Frühling voll durch. Es scheint, als kämen alle Pflanzen gleichzeitig zum Blühen. Wenn ich unter dem blühenden Zwetschenbaum im Garten stehe, komme ich in einen träumerischen Zustand, den ich zum ersten Mal unter dem blühenden Kirschbaum in unserem Garten in Münster erlebt habe. Die Mehlschwalben sind zurück und alle Vögel singen ihre Lieder und überall ist diese Freude, diese Lust am Leben, an der Fülle, an der Schönheit zu spüren.

Ich lese zur Zeit ein sehr schönes Buch, das es leider nicht in deutscher Übersetzung gibt: Danielle Dulsky, eine amerikanische Hexe, ist die Autorin von The Holy Wild – A Heathen Bible for the Untamed Woman (Das heilige Wilde – eine heidnische Bibel für die ungezähmte Frau). Allein die Sprache ist schon ein Genuss, diese Poesie, diese Wortmächtigkeit! Danielle Dulsky schlägt Rituale zur Selbstermächtigung und Heilung vor, ebenso magische Handlungen. Und das Schöne ist, daß sie das mit großem Respekt für die Leserinnen macht: sie gibt lediglich Anregungen, sagt nie: du musst das so und so machen! Und sie nimmt radikale Umdeutungen vor, z. B. bei der Beschreibung von Salomes Schleiertanz. In ihrer Version der Geschichte wirft Salome mit jedem Schleier eine patriarchale Konditionierung ab, also die jahrhundertealten Vorstellungen, wie eine Frau zu sein hat. Ich bin davon überzeugt, daß jetzt die Zeit reif ist, unser volles Potential zu verwirklichen und die zu sein, die wir sind und nicht die, als die man uns sieht.

auch dieses Walnussblatt will sein volles Potential verwirklichen

Übrigens gilt das auch für Männer. Neulich unterhielten B. und ich uns über Männer und Frauen. B. ist der Ansicht, daß Frauen von Natur aus viel emotionaler sind als Männer. Ich sehe das anders. Ich habe in meinem Leben schon einige Männer erlebt, die sehr emotional waren. Und ebenso kenne ich Frauen, die eher zurückhaltend im Ausdruck von Emotionen sind. Ich glaube, daß Männer über viele Generationen hin darauf konditioniert wurden, nicht zu fühlen. Das war eine Notwendigkeit, weil sie diejenigen waren, die für die Herrschenden in den Krieg ziehen und andere Menschen töten mussten. Gefühle sind bei diesem miesen Job ein großes Hindernis. Wenn es also heute anscheinend weniger emotionale Männer als Frauen gibt, dann ist das die Folge einer seelischen Deformation.

Und dann müsste man noch klären, ob emotional heißt, daß eine*r Gefühle hat oder sie ausdrückt. Ich glaube, in der Regel ist damit der Gefühlsausdruck gemeint. Wenn es darum geht, bin ich wohl weniger emotional, aber ich weiß, daß ich viel fühle. Während meiner Körpertherapieausbildung ließ unser Lehrer John Pierrakos uns gern Energiemandalas machen: wir lagen sternförmig auf dem Boden, die Köpfe im Zentrum, die Beine strahlenförmig nach außen. Dann leitete er uns durch Gefühlszustände und innerhalb kürzester Zeit war der Raum voll von lautem Schreien, Stöhnen, Weinen. Ich habe diese Übung gehasst, denn ich konnte nicht auf Kommando irgendwelche Gefühlsäußerungen produzieren und die lauten Geräusche führten bei mir dazu, daß ich mich kontrahierte. John genoss die Energie, die bei dieser Arbeit entstand; ich hingegen wollte nur weg. Später sagte mir eine Frau, auf deren Worte ich etwas gab: „Wenn eine Person laut schreit oder weint, heißt das noch lange nicht, daß sie besonders viel fühlt, oft eher im Gegenteil.“ Dieser Satz hat mich sehr entlastet.

Zum Schluss noch mein Statement zum Krieg in der Ukraine: Putin hat die Ukraine überfallen, das ist ein Akt der Aggression. Der Westen, allen voran die USA, haben diesen Krieg provoziert und Russland absprachewidrig die NATO vor die Haustür gesetzt. 2014 wurde durch die westlichen Mächte eine neue hochkorrupte Regierung in der Ukraine installiert. Waffenlieferungen verlängern den Krieg und damit das Leiden der Zivilbevölkerung, wie in Syrien geschehen. Die Grünen betätigen sich als Kriegstreiber, indem sie diese Waffenlieferungen fordern. Es gibt Firmen, die eine Menge Geld mit dem Krieg machen, u. a. die deutsche Rhein-Metall.

Übrigens die Grünen: hier in Schleswig-Holstein finden demnächst Landtagswahlen statt und alle Parteien machen offensiv Werbung. Neulich fragte ich einen jungen Mann am Stand der Grünen, ob er wisse, daß für das Lithium in den E-Autos, für das unsere neue Außenministerin vor der Bundestagswahl so sehr geworben hat, in Südamerika Regenwälder abgeholzt werden. Er wusste es und lamentierte gleich: „Das ist ein großes Dilemma.“ Dann berichtete er aber ganz stolz, daß in Niedersachsen gerade eine Fabrik gebaut wird, die Lithium aus den Batterien recycelt. Dann redete er ganz viel und hatte offensichtlich kein Interesse mir zuzuhören. Mir ging es mit ihm genauso und ich ging.

In den 70er Jahren, als ich noch zur außerparlamentarischen radikalen Linken gehörte, habe auch ich in der Stadt an Büchertischen gestanden und versucht, Leute von unseren Positionen zu überzeugen. Das nannte sich damals Agit Prop (Agitation Propaganda) und bedeutete, ganz viel zu reden, dabei den Eindruck des Expertentums zu vermitteln und den anderen nicht zu Wort kommen zu lassen. Natürlich habe ich damals niemanden überzeugt. Ich habe also Verständnis für diesen jungen Grünen, aber das ändert nichts daran, daß ich keine Lust mehr habe, mich auf diese Art von einseitigem Gespräch einzulassen.