Reise

Pfingsten machte ich eine Reise nach NRW, zunächst nach Münster zu meiner Mutter. Am Samstag fuhr ich mit ihr zum Markt am Domplatz. Seit sie in dieser Stadt lebt, macht sie dort ihren wöchentlichen Einkauf und kennt fast alle. Durch Corona ist alles sehr kompliziert geworden. Die Stände sind auseinandergezogen worden, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Einige stehen jetzt auf dem Prinzipalmarkt, am Fürstenberghaus und vor der Bezirksregierung. Außerdem ist das Kopfsteinpflaster nicht wirklich für Rollatoren geeignet. Gemeinsam ging es dann aber ganz gut. Ich fand schnell die Stände, die sie aufsuchen wollte und an jedem wurde erst mal ausgiebig geschnackt. À propos Schnacken: In Münster ist anders als hier im Norden sogar auf dem Markt ein Mundschutz vorgeschrieben und überall hingen Marktordnungen rum. Darauf stand, daß man seinen Besuch auf dem Markt kurz halten und Gespräche vermeiden solle. Da musste ich lachen: Warum geht eine denn auf den Markt? Wegen der frischen Lebensmittel, klar, aber doch vor allem, weil man sich da trifft und unterhält. Meine Mutter, die ohnehin keine Angst vor dem Virus hat, ließ sich jedenfalls nicht von Gesprächen abhalten.

Den anschließenden Besuch im Marktcafé sparten wir uns allerdings ein: weder meine Mutter noch ich hatten Lust, uns zu registrieren und dann mit meilenweitem Abstand irgendwo zu sitzen. Wir fanden einen Platz auf einer Bank beim Denkmal des Kardinal von Galen unter den duftenden Linden und ich besorgte uns einen Kaffee to go.

Zum Mittagessen kam meine Tochter dazu und am Nachmittag fuhren wir dann weiter nach Bonn. Dort ging es sehr entspannt zu. Sonntag gingen wir zum Poppelsdorfer Schloss und trafen dort Stefans jüngeren Bruder und seine Familie. Wir saßen auf dem Rasen wie all die anderen Menschen, die sich über das schöne Wetter freuten und dort picknickten, Ball spielten und auf Slacklines balancierten. Gesichtsmasken trug keiner, die Abstandsregeln wurden sehr begrenzt eingehalten und es gab Umarmungen. Wir sind Herdentiere und können auf Dauer nicht unsere Instinkte und unser Bedürfnis nach Kontakt, auch Körperkontakt ignorieren. Das wäre auch nicht gesund. Übrigens fiel mir auf, daß die Mülleimer nicht ausreichten, um die riesigen Mengen an Einmalbechern, – tellern und sonstigen Abfällen aufzunehmen. Immerhin waren die Menschen so diszipliniert, ihren Müll ordentlich neben den Mülleimern zu platzieren. Leider ist der Gebrauch an Einmalmaterial durch die Corona-Maßnahmen enorm angestiegen. Ich bin sicher, daß man das mit gutem Willen auch anders regeln könnte. Le Camping in Flensburg hat’s vorgemacht, indem es Menüs in richtigem Geschirr geliefert hat, das am nächsten Tag wieder abgeholt wurde. Und warum es plötzlich unhygienisch sein soll, wenn ich meinen Kaffeebecher füllen lassen will, leuchtet mir nicht ein, zumal Professor Streeck ja nachgewiesen hat, daß sich das Virus nicht lange auf Oberflächen hält. Aber unsere Politiker*innen hören ja nur auf ihren Hofvirologen Drosten. Abends wurde dann im Garten gegrillt. Am Montag fuhren wir wieder in den Norden und freuten uns über die Ansagen des Zugbegleiters, der nach jedem Halt auf die Hygieneregeln hinwies und dabei Sätze wie diesen sagte: „Wir sind gesetzlich verpflichtet, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen. Das ist nicht angenehm, auch für uns nicht.“ Zum Essen und Trinken nahmen wir natürlich den Mundschutz ab und so machten alle anderen es auch.

Gefunden in der Bonner Südstadt. Da schlägt mein Herz gleich höher, wenn ich das Anarchistensymbol sehe.

Zu Hause wartete unangenehme Arbeit auf mich. Einen Teil habe ich gestern erledigt: der Glasfaseranschluss musste in Betrieb genommen werden. Solche technischen Arbeiten hasse ich, aber ich wollte ja weiter telefonieren und ins Internet gehen. Es gelang mir, die diversen Kabel an der neuen Fritzbox anzubringen, aber dann kam ich nicht ins Netz und telefonieren konnte ich auch nicht. Also musste ich doch meinen neuen Provider anrufen, mit dem Smartphone. Das funktionierte freundlicherweise trotz des hiesigen Funklochs. Abends klappte dann alles und ich war sehr zufrieden. Jetzt wartet die nächste Aufgabe: die Inbetriebnahme meines neuen Notebooks. Leider hat mein altes, das erst 6 Jahre alt ist, mit dem Beginn des Lockdowns angefangen rumzuzicken: es macht keine Updates mehr und geht gern offline, wenn ich gerade am Surfen bin. Es war dreimal zu Reparatur und keiner konnte es in Ordnung bringen. Die Techniker vermuten einen Hardwareschaden. Jetzt habe ich ein gebrauchtes und überarbeitetes Notebook, das mir ein Freund meiner Tochter empfohlen hat. Auch mein Smartphone ist übrigens gebraucht. Das mache ich nicht nur wegen des Geldes, sondern hauptsächlich weil ich mich nicht an der Ausplünderung der Länder mit den seltenen Erden beteiligen und die Stinkreichen in Silicon Valley nicht noch reicher machen will.

Warten auf den Zug

Heute habe ich etwas Merkwürdiges erlebt: morgens hörte ich im Kamin ein lautes Schaben, als wäre der Schornsteinfeger da. Der hatte aber vor einigen Wochen schon gekehrt. Ich öffnete die Klappe und fand in dem rußigen Loch einen jungen Kormoran. Es gelang mir, ihn zu greifen und er flog aus dem weitgeöffneten Fenster. Es ist mir ein Rätsel, wie dieser relativ große Vogel es geschafft hat, sich in das enge Rohr, das aus dem Schornstein ragt, zu zwängen. Daß sich kleinere Vögel darin verirren, Schwalben, Spatzen und einmal ein Star, habe ich schon öfter erlebt. Manche konnte ich befreien, wenn ich sie hörte. Aber ab und zu holt der Schornsteinfeger auch einen toten Vogel heraus.

Eine weitere Vogelbegegnung ereignete sich, als Lenchen mit einer Mehlschwalbe ankam. Da musste ich eingreifen. Ich nahm ihr den Vogel ab und er flog aus meiner Hand ins Weite. „Es tut mir leid“, sagte ich zu meiner Katze, wohl wissend, daß ich mich massiv in ihre Angelegenheiten eingemischt hatte, „daß du Mäuse isst, kann ich hinnehmen, aber Vögel spielst du nur tot und isst sie noch nicht mal auf.“ Lenchen trug es mit Fassung und rieb sich ausgiebig an meinen Beinen. Ich glaube, sie nahm es mir nicht weiter übel.

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