Fühlen

Mein Sohn hat mir einen Link zu einer Dokumentation geschickt, die mich in der Tiefe berührt hat: https://www.arte.tv/de/videos/104396-001-A/die-brotrebellen/

Es geht um einen Franzosen, der zunächst studiert hat, unter anderem Philosophie in Deutschland (im Film spricht er daher auch sehr gutes Deutsch) und dann irgendwann nach Tiflis in Georgien gegangen ist, dort eine Bäckerei eröffnet hat und Brot backt. Für sein Brot nimmt er eine alte Weizensorte, die so hoch wächst, wie ich das noch aus meiner Kindheit kenne und äußerlich wenig Ähnlichkeit mit unserem heutigen Weizen hat. Das Korn wird auf Feldern außerhalb der Stadt angebaut, die er wöchentlich besucht. Es wird deutlich, daß er eine ganz persönliche Beziehung zum Korn hat, aber auch zum Vorgang des Backens. Dabei ist er auch Philosoph: man spürt, daß er genau weiß, worum es geht, was den Namen Lebensmittel verdient, daß die Natur gibt, daß es keinen Sinn macht, etwas für sich zu behalten. Nebenbei sieht man, wie die Tiere im Dorf, das er besucht, leben. Auch diese Bilder erinnern mich ein wenig an meine Kindheit und daran, daß es mal viel bessere Zeiten für die domestizierten Tiere gab als heute (dabei wird mir seit einiger Zeit immer deutlicher, daß eine Biozertifizierung keine Garantie für artgerechte Tierhaltung ist und daß es manchmal besser ist, bei Bauern ohne Zertifizierung zu kaufen, wenn man sie persönlich kennt und weiß, wie die Tiere bei ihnen leben). Zurück zum Bäcker: Er lebt seine Leidenschaft, er ist mit seinem Herzen dabei. Das ist eine Form von Magie und die wirkt dann auch durch das Brot. Übrigens zog, während ich den Film sah, aus meiner Küche der schöne Duft des Roggenbrotes im Backofen zu mir herüber und erfreute mich.

Während des Films musste ich an ein Gespräch mit B. denken, in dem sie von einem Interview mit einer Frau erzählte, die sich wohl als Beziehungsspezialistin sieht und behauptet, daß es zwischen Männern und Frauen einen gravierenden Unterschied gibt: Frauen fühlen viel und Männer wenig. (Ich habe das jetzt wahrscheinlich etwas verkürzt dargestellt, aber so habe ich es jedenfalls verstanden). B. stimmte dieser Haltung zu und sah sich und ihren Freund darin gut dargestellt. Ich stimme dem allerdings überhaupt nicht zu. Als ich jung war, habe auch ich gedacht, daß Männer irgendwie gefühlsamputiert sind und dieses (Vor)urteil immer wieder bestätigt gefunden und darunter gelitten. Aber dann habe ich irgendwann begriffen, bzw. mich für die Einsicht geöffnet, daß Männer genau soviel und tief fühlen wie Frauen. Ich habe Männer kennengelernt, die viel expressiver sind als ich und ebenso solche, die tiefe Gefühle empfinden, diese aber nicht gut ausdrücken können.

Wie kommt nun dieses weitverbreitete Urteil zustande, daß Männer weniger fühlen als Frauen? Ich glaube, daß unsere Sozialisation seit mehreren tausend Jahren hart daran gearbeitet hat, den Männern das Fühlen auszutreiben. Es ist ja auch klar, daß Im Krieg Gefühle eher kontraproduktiv sind. In meiner Kindheit hörte ich oft den Satz: „Jungen weinen nicht.“ Männer hatten hart wie Kruppstahl zu sein. Und ich kann mir vorstellen, daß die Männer der Kriegsgeneration, die an der Front gewesen sind und Grausames gesehen haben, vielleicht auch gar nicht mehr fühlen wollten, weil es einfach zu schmerzhaft gewesen wäre. Dann wäre eine antrainierte Gefühllosigkeit eine Traumafolge. Übrigens: welche Frau wünscht sich denn eine gefühllosen Mann?

Noch ein Satz dazu: Frauen werden oft als die größten Kriegsopfer dargestellt. Daran habe ich mittlerweile Zweifel. Ich denke, daß Männer genauso Opfer sind, wenn sie in einen Krieg gezwungen werden. Sie kommen oft als emotionale Krüppel zurück. Mein Vater zum Beispiel, der nie über seine Kriegserlebnisse gesprochen hat, hatte, seit ich mich erinnern kann, massive Schlafstörungen und war abhängig von Tabletten und später auch Alkohol.

Zum Schluss noch eine Buchempfehlung: Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit von Rutger Bregman, einem niederländische Historiker. Darin räumt er, gründlich recherchiert, mit dem vorherrschenden Glauben auf, daß die Menschen schlecht und vor allem schuld an allem Möglichen sind. Die alte Erbsündengeschichte lebt ja auch in nichtchristlichen Menschen hartnäckig weiter. Rutger Bregman outet sich zwar nicht als Anarchist, aber aus seinem Schreiben kann ich nur schließen, daß er einer ist. Es tut gut, dieses Buch zu lesen. Es zeigt, wozu Menschen fähig sind, wenn man aufhört, sie durch Schule, Staat und andere Institutionen zu gängeln. Wenn man sie also machen lässt, wenn sie ihrem Herzen folgen können. Und da bin ich wieder beim Film über den Bäcker in Tiflis: wenn Menschen ganz sie selbst sein können, dann sind sie soziale Wesen, die sich harmonisch ins große Ganze einfügen und jede*r auf seine und ihre Weise dem Leben dienen wollen. Alles wäre anders, wenn wir das alte Narrativ von der Schlechtigkeit der menschlichen Gattung auf die Müllhalde der Geschichte werfen könnten und uns daran machten, die zu sein, als die wir auf die Erde gekommen sind.

Land der ungemähten Wiesen

Die Asche meiner Mutter liegt jetzt in der Erde. Ihr großer Wunsch, eine schöne Feier, ist ihr erfüllt worden. Und obwohl Regen angesagt war und wir mit Schirmen ausgestattet zum Friedhof gefahren sind, schien dann doch die Sonne. Ich bin mir sicher, daß meine Mutter da die Hände im Spiel hatte. Irgendwie war das Ganze schön, auch wenn das jetzt vielleicht merkwürdig erscheint. Die Stimmung war gut, die Gäste waren so freundlich und zugewandt. Nichts war schwierig oder anstrengend. Und passend war auch, daß meine Mutter ihr Sterben in eine Zeit ohne Coronarestriktionen gelegt hat. So konnte alles ohne Maske, Test und sonstige Schikanen stattfinden. Allerdings trugen ein paar Ängstliche in der Friedhofskapelle noch Masken. Daß Masken eher schaden als nützen hat sich wohl noch nicht rumgesprochen.

Die größte Überraschung war, daß zwei Brüder, Spielkameraden aus meinen Kindertagen in Hannover, den weiten Weg aus Süddeutschland auf sich genommen hatten, um bei der Beerdigung dabei zu sein. Den Jüngsten habe ich zum letzten Mal beim 80. Geburtstag meines Vaters 2004 gesehen, den Ältesten vor vierzig Jahren bei der Beerdigung seines Vaters. Ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet und plötzlich standen sie da. Wir hatten uns viel zu erzählen und es war einfach schön.

Die Wohnung meiner Mutter liegt am Stadtrand. Drumherum gibt es viel Grün und schöne Parkanlagen, über denen ab und zu Störche kreisen. Es haben sich auch ein paar Höfe gehalten, von denen einer als Bioladen und Café genutzt wird. Schon im letzten Jahr ist mir aufgefallen, daß die Wiesen nicht gemäht waren. Nur am Rande hat man einen Streifen kahlgeschoren. Ansonsten erinnerte mich alles an die Wiesen meiner Kindheit, als man noch bunte Blumen pflücken und sich in ihnen verstecken konnte (Wo findet man die heute noch? Hier auf dem Lande jedenfalls nicht). Ich musste an die Worte einer Frau aus der Zeit der schamanischen Unterweisung durch Ute Schiran denken, die in ihren Trancen oft ins „Land der ungemähten Wiesen“ kam. So sehr ich mich über die ungemähten Wiesen freuen konnte, so schlimm waren die alltäglichen Geräusche in dieser Gegend: kein Morgen ohne sehr laute Geräte, etwa Rasenmäher, Laubbläser, Heckenscheren. Überall waren Männer mit oder ohne Ohrenschützer damit beschäftigt, ohrenbetäubenden Lärm zu machen. Dazu kamen die Flugzeuge und Hubschrauber. Letztere scheinen sich in den letzten zwei Jahren enorm vermehrt zu haben. Irgendwie wird es immer lauter. Wozu braucht man eigentlich Laubbläser? Sie machen nicht nur abscheulichen Krach, sie zerstören auch die Mikrofauna des Erdbodens. Vor noch nicht allzu langer Zeit haben Menschen stattdessen Harken benutzt. Wenn ich durch die Welt gehe, fallen mir immer mehr Sachen ein, die ich absurd finde und die ich gern verschwinden lassen möchte. Dazu zählen außer Laubbläsern und Elon Musks Satellitenkette Starlink die zahlreichen Funkmasten an den Straßen, die wegen der Navis und natürlich zur besseren Überwachung aufgestellt werden, und die Solar- und Windkraftanlagen. Mehr denn je stimmt das schöne Wort „Zuvielisation“. Ja, es ist alles zuviel: zuviel Technik, zuviel Strahlung, zuviel Lärm, zuviel Angst, zu wenig Freude. Oft denke ich: alles muss sich ändern.

Ich bin übrigens dieses Mal mit dem Auto gefahren und habe K. und M. mitgenommen. Die Deutsche Bahn funktioniert mittlerweile fast gar nicht mehr.

Emma Goldman

Ich habe an dieser Stelle schon einige Male einen Satz zitiert, der der Anarchistin und Feministin Emma Goldman zugeschrieben wird, nämlich daß eine Revolution, bei der sie nicht tanzen könne, nicht ihre Revolution sei. Jetzt habe ich erfahren, daß er in dieser Form gar nicht von ihr stammt. Tatsächlich hat sie in ihrer Autobiographie Living my Life Folgendes geschrieben: I want freedom, the right of selfexpression, everybody’s right to beautiful, radiant things.“ (Ich will Freiheit, das Recht auf Selbstausdruck, jedermanns Recht auf schöne und strahlende Dinge). Der Anlass dieser Worte war die Kritik eines jungen Mannes an ihrem ausgelassenen Tanzstil. Er bemängelte diesen als frivol und fand ihr Verhalten der „Sache“, also dem Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, nicht angemessen. Darauf reagierte sie dann nachvollziehbarerweise sehr zornig. Das erinnert mich an meine eigene Geschichte: als sehr junge Frau war ich einige Zeit Mitglied des Münsteraner Ortsgruppenvorstands der Liga gegen den Imperialismus, einer Schwesterorganisation der damaligen maoistischen KPD. Es herrschte dort ein strenges und äußerst lustfeindliches Regiment, was bedeutete, daß alle persönlichen Interessen dem „antiimperialistischen Kampf“ untergeordnet wurden. Das wurde auch immer wieder überprüft. Als mein damaliger Ehemann und ich beschlossen, ein Kind zu bekommen und ich dann recht schnell schwanger wurde, wurde ich vom Vorstandsvorsitzenden streng gerügt, das sei nicht politisch abgesprochen. Ich wurde von der Vorstandsarbeit suspendiert. Trotzdem habe ich dann noch einige Jahre in dieser Organisation zugebracht, wofür ich heute keine richtige Erklärung habe. Gelernt habe ich aus diesem und einigen anderen Vorfällen dann letztendlich dieses: wenn alles, was Freude macht und dem Herzen entspringt, einer „Sache“ geopfert wird, dann kann aus dieser „Sache“ nichts Schönes und Freudvolles entstehen. Sobald Selbstausbeutung und Selbstaufopferung eine Rolle spielen, ist es Zeit, schleunigst das Weite zu suchen! Heute bin ich richtig froh, daß wir damals keinen Erfolg gehabt haben; es wäre eine Diktatur dabei herausgekommen. Apropos Diktatur, hier ein weiterer Ausspruch von Emma Goldman: „[M]uch as I loathe Hitler, Mussolini, Stalin and Franco, I would not support a war against them and for the democracies which, in the last analysis, are only Fascist in disguise.“ (So sehr ich Hitler, Mussolini, Stalin und Franco verabscheue, würde ich keinen Krieg gegen sie und für die Demokratien unterstützen, die bei genauer Analyse nur Faschisten in Verkleidung sind). Danke Emma, du sprichst mir aus der Seele!

Während ich in Münster war, sind meine Bienen geschwärmt. Das ist nichts Ungewöhnliches um diese Jahreszeit. Das Besondere ist aber, daß dieser Schwarm in die leerstehende Bienenbehausung des Volkes eingezogen ist, das im Herbst bereits gestorben ist. Ich hatte den unbewohnten Top Bar Hive noch nicht ausgeräumt und sauber gemacht; es waren da also noch die alten Waben mit Honig und wahrscheinlich auch toter Brut sowie tote Bienen drin. Das hat den Schwarm nicht gestört: wahrscheinlich haben sie geputzt und aufgeräumt und das übernommen, was sie selbst gebrauchen konnten. Das nennt man dann wohl Schwarmintelligenz! Bemerkenswert ist noch etwas anderes: in den letzten Jahren haben sich einige Menschen der Erforschung des natürlichen Bienenverhaltens jenseits imkerlicher Eingriffe gewidmet. Einer von ihnen ist Torben Schiffer, der die Rolle des Bücherskorpions, eine kleinen Mitbewohners von gesunden Bienenvölkern, erforscht und viel berechtigte Kritik an den Praktiken der Imker, auch derer, die sich der „wesensgemäßen Imkerei“ verschrieben haben (also die Leute aus meinem Verein) geübt hat. Er hat z. B. festgestellt, daß Imker Massentierhaltung betreiben, wenn sie viele Bienenkästen dicht an dicht aufstellen. In der freien Natur halten Bienenvölker einen Abstand von mindestens 800 m. Nun habe ich bereits einiges an meiner Bienenhaltung geändert: ich arbeite nicht mehr mit der äußerst qualvollen Ameisensäure gegen die Varroamilbe und habe meine beiden TBHs auseinandergerückt. Ein Abstand von 800 m ist aber in meinem Garten nicht möglich, es sind in der Realtität nur ca. 8 m. Auch steht der neubezogene Kasten ziemlich in der Sonne, was im Sommer die Bienen viel Energie kostet, denn sie müssen für Kühlung ihrer Waben sorgen. Im Winter dagegen müssen sie viel Energie aufwenden, um sich zu wärmen, weil die Wände der Top Bar Hives recht dünn und nicht isoliert sind. Ich hatte den Plan, mit einem neuen System zu arbeiten, das ein Imker aus meinem Verein entwickelt hat. Das wäre allerdings erst ab dem nächsten Jahr möglich. Jetzt hat dieser Schwarm sich über all die Erkenntnisse von Torben Schiffer hinweggesetzt und beschlossen, mit einer suboptimalen Behausung vorliebzunehmen. Irgendwie macht mich das ziemlich froh, weil es mir mal wieder zeigt, daß Mutter Natur nicht nach unserer Pfeife tanzt.

Dieser Schwarm ist heute Mittag abgegangen und hat sich kurz im Apfelbaum meiner Nachbarn niedergelassen, um dann das Weite zu suchen. Gute Reise und möget ihr einen guten Platz gefunden haben!

In Frieden

Dieses schöne Bild von Banksy passt gut in die Zeit

Am 17. Mai hat meine Mutter ihr Erdenleben in Frieden beendet. Alles ist, auch wenn das jetzt komisch klingen mal, perfekt gelaufen. Eigentlich wäre mein nächster Besuch in Münster erst Anfang Juni geplant gewesen. Aber etwa zwei Wochen, bevor meine Mutter starb, erfuhr ich von meinem Bruder, der kurz vorher zu Besuch bei ihr gewesen war, einen Tag später dann vom Pflegeheim, daß es wohl nicht mehr lange dauern würde, weil sie die meiste Zeit schliefe und ihre Beine nur noch sehr unzulänglich mit Blut versorgt würden. Man bat mich, meine Einwilligung zum Absetzen sämtlicher Medikamente zu geben. Das tat ich sofort. Ich war auch damit einverstanden, daß das Palliativnetz mit der weiteren medizinischen Versorgung beauftragt wurde. Das hat sich als eine gute Sache herausgestellt: meine Mutter bekam Morphium gegen die Schmerzen, das in Rücksprache mit mir bei Bedarf angepasst wurde. Ich halte ja bekanntermaßen nur noch äußerst wenig von der derzeit praktizierten Medizin, die seelenlos und profitorientiert ist. Aber ich muss doch zugeben, daß bei meiner Mutter einige Sachen viel besser gemacht wurden, als ich es bei meinem Vater vor neun Jahren und bei Patienten in der Klinik erlebt habe. Man hat dazugelernt, indem man einem Sterbenden z. B. keine Flüssigkeit mehr zuführt, weil die Nieren die ersten Organe sind, die sterben und sich dann das Wasser in der Lunge sammelt. Gegen die Mundtrockenheit gab es ab und zu Sprühstöße aus einer Wassersprühflasche. Ich als Feindin von den allermeisten Medikamenten finde Morphium eine ziemlich gute Sache, mit der man großzügig umgehen sollte.

Perfekt war auch, daß ich am Wochenende vor dem Tod meiner Mutter nach Bonn fahren wollte, weil mein Sohn allen Familienmitgliedern den Besuch einer Vorstellung von Michael Hatzius (Die Echse) geschenkt hatte. Am Tag nach der Vorstellung bin ich dann mit meiner Tochter und ihrem Freund nach Münster gefahren. Meine Mutter hat mich sogar erkannt und mit meinem Kindernamen „Ise“ angesprochen. Das hat mich in der Tiefe berührt. Am nächsten Tag kam dann auch meine Sohn, um sie noch einmal zu sehen. Abends waren wir bei Freunden zum Essen eingeladen und Stefan sagte zum Abschied: „Oma, du kannst jetzt gehen. Alle sind bei dir gewesen. Nun kannst du endlich loslassen.“ Das hat sie sich offensichtlich zu Herzen genommen, denn wenige Stunden später war sie tot. Das Heim hatte versucht mich anzurufen, als die Atmung sich veränderte, aber offensichtlich nicht die richtige Nummer gewählt. So kam es, daß meine Mutter alleine starb. Vielleicht war es auch das, was sie wollte.

Wir alle waren vor allem erleichtert, denn sie hat in den letzten eineinhalb Jahren seit ihrem Schlaganfall nur noch sterben wollen. Das rapide Nachlassen ihres Sehvermögens, der zunehmende Autonomieverlust, die Abhängigkeit von Pflegepersonal, das nie genug Zeit hatte, hatten ihr schwer zugesetzt. Sie ist dann schnell dement geworden, was vielleicht auch ein Segen war.

Jetzt können wir ihr ihren großen Wunsch nach einer schönen Totenfeier erfüllen, so wie wir es ihr versprochen haben. Das Timing ihres Todes war auch perfekt, weil die Feier nicht durch irgendwelche nervigen Coronarestriktionen gestört wird. Übrigens gab es direkt nach ihrem Tod soviel zu erledigen: ihre persönlichen Sachen aus dem Zimmer im Pflegeheim räumen, das Bestattungsunternehmen aufsuchen und dort alles klären, ein Gespräch mit dem Pfarrer führen. Es wird jetzt eine Zeit brauchen, bis ich alles verdaut habe.

Ich habe nie eine besonders enge Beziehung zu meiner Mutter gehabt. Ich glaube auch, ich war ihr immer etwas fremd mit meiner Art und meinen Interessen. Aber ich habe von ihr Dinge mitbekommen, für die ich dankbar bin: mein Interesse an Sprachen, die Freude an Handarbeiten, besonders am Stricken, was sie mir beigebracht hat, als ich sechs Jahre alt war, das Interesse an gutem Essen und seiner Zubereitung. Und ich habe meine Mutter bewundert für ihre Energie und ihre Lebendigkeit. Sie ist bis zu ihrem Schlaganfall im Herbst 2020 körperlich und geistig aktiv und am Leben interessiert gewesen. Einen Monat vor ihrem Tod ist sie 95 Jahre alt geworden.

Ein schönes Ritual: im Rheinland stellen Männer ihrer Liebsten zum 1. Mai eine geschmückte Brke vor die Haustür

Ich war länger ohne Laptop, der wegen einer Reparatur beim Techniker war. Dabei hätte ich soviel zu schreiben gehabt. Das werde ich jetzt nach und nach tun. Hier kommt jetzt erst mal ein Link zum Blog der Künstlerin Cambra, in dem sie mir voll aus der Seele spricht: https://cambraskade.blog/2022/05/23/schnittmengen/

Ja, so ist es: als Pazifistin steht eine heutzutage ziemlich allein auf weiter Flur. Vor einiger Zeit habe ich hier mal geäußert – damals noch auf die Haltung zur geschürten Coronahysterie bezogen – daß sich jetzt die Spreu vom Weizen trennt. Das hört sich zugegeben erstmal ziemlich überheblich an. Was ich aber meine: es zeigt sich jetzt auch angesichts des Krieges, ob Menschen die Überzeugungen, die sie bislang öffentlich vertreten haben, auch tatsächlich leben. Und da stelle ich fest, daß es von bisher angeblich friedliebenden Menschen jetzt oft eine erschreckende Kriegsgeilheit gibt. Die Russen sollen mit allen Mitteln plattgemacht werden und Menschen wie Alice Schwarzer, die zusammen mit einigen anderen prominenten Personen einen offenen Brief an die Bundesregierung unterzeichnet hat, den Krieg in der Ukraine nicht mit Waffenlieferungen zu befeuern, werden aufs Übelste gedisst.

Ich bleibe dabei: Gewalt bringt immer nur neue Gewalt hervor. Oder mit dem alten so zutreffenden Spruch: „Bombing for peace ist like fucking for virginity.“ So isses!

Der Wald ist die Welt

Gestern fand ein schöner Kräuterkurs mit interessierten und angenehmen Frauen statt. Der hat mich für das verstörende Erlebnis im letzten Monat mehr als entschädigt. Damit so ein Tag erfreulich wird, braucht es nun mal beide Seiten.

Heute besuchte ich den Wald, in dem wir gestern waren, wieder. Bei Sonnenschein ist es dort besonders schön, weil sich dann der Duft der Kiefern so intensiv verströmt und in mir ein unglaublich wohliges Gefühl hervorruft. Ich sammelte Birkenblätter und mein Plan war, daß die Menge für den nächsten Frühling reichen sollte, im getrockneten Zustand also soviel, wie in ein 500 ml-Glas passt. Bisher habe ich die Blätter immer bei Kräuter-Pflug in Kiel gekauft. Das ist übrigens ein ziemlich guter Laden, in dem eine fast alles an Heilpflanzen und Gewürzen in guter Qualität bekommt. Manches sammele ich auch selber. Heute merkte ich mal wieder, wie zeitaufwendig das ist, selbst bei dieser überschaubaren Menge. Wenn sich noch mal Menschen bei mir beklagen, wie teuer Heilkräuter im Geschäft sind, dann werde ich ihnen sagen: „Sammle selbst und dann reden wir noch mal.“ Die Birken sind um diese Zeit so schön mit ihren feinen, glänzenden Blättern, die sich im Wind bewegen und fast durchsichtig sind, wenn die Sonne scheint. Sie bringen die Heiterkeit des Frühlings in meine Körperin und haben mir in der Vergangenheit schon einige Male geholfen, wenn ich Schmerzen in den Fingern und Handgelenken hatte. Vor vielen Jahren hat mir mal ein anthroposophischer Arzt den Tipp mit dem Birkenblättertee gegeben und mir erzählt, daß Menschen, die als Kinder früh intellektuell stark gefordert wurden, zu dieser Art von Schmerzen neigen. Für mich fühlt sich das wie gestaute Energie in den Händen an. Die Birke bringt alles wieder in Fluss.

Ich sammelte also und ging dabei in eine meditative Stimmung, hörte den Vögeln zu und genoss es im Wald zu sein. Ach, ich liebe Wälder einfach. Das war schon immer so. Ich gehe auch nachts in den Wald und fürchte mich nicht. Als Mitteleuropäerin habe ich den Wald in meiner DNA. Jetzt gibt es ja nur noch kleine Überreste davon, aber vor ca. 2000 Jahren war hier fast überall Wald. Der Wald war für die damaligen Menschen und die anderen Tiere die Welt.

Umso mehr macht mir zu schaffen, was im Reinhardswald geschehen soll, der einer der Wälder meiner Kindheit ist: dort soll eine Windkraftanlage mit über 200 m hohen Masten errichtet werden, der die Grünen in der hessischen Landesregierung zugestimmt haben. Ich habe dazu ein Video von Peter Wohlleben gesehen, der alles Wesentliche über Windräder im Wald sagt: https://www.facebook.com/PeterWohlleben.Autor/videos/479323976473734/

Ich träume von einem Lastenfahrrad, damit ich mein Auto nicht mehr so oft brauche. Eine Freundin, der ich davon erzählte, ging ganz selbstverständlich davon aus, daß es ein E-Fahrrad sein würde. Nein, wird es nicht. Ich will nicht dazu beitragen, daß für die Akkus Regenwälder in Südamerika abgeholzt werden. Und solange ich kräftige Muskeln habe, kann ich auch Fahrrad fahren.

Walpurgis

Walpurgis, das Maifest, ist eins der wenigen alten heidnischen Feste, das die Kirchen sich nicht einverleibt haben. Vielleicht, weil es ein Fest mit großer erotischer Kraft ist. Nachdem es wochenlang hier im Norden sonnig, dabei aber recht kalt gewesen ist, bricht seit einigen Tagen der Frühling voll durch. Es scheint, als kämen alle Pflanzen gleichzeitig zum Blühen. Wenn ich unter dem blühenden Zwetschenbaum im Garten stehe, komme ich in einen träumerischen Zustand, den ich zum ersten Mal unter dem blühenden Kirschbaum in unserem Garten in Münster erlebt habe. Die Mehlschwalben sind zurück und alle Vögel singen ihre Lieder und überall ist diese Freude, diese Lust am Leben, an der Fülle, an der Schönheit zu spüren.

Ich lese zur Zeit ein sehr schönes Buch, das es leider nicht in deutscher Übersetzung gibt: Danielle Dulsky, eine amerikanische Hexe, ist die Autorin von The Holy Wild – A Heathen Bible for the Untamed Woman (Das heilige Wilde – eine heidnische Bibel für die ungezähmte Frau). Allein die Sprache ist schon ein Genuss, diese Poesie, diese Wortmächtigkeit! Danielle Dulsky schlägt Rituale zur Selbstermächtigung und Heilung vor, ebenso magische Handlungen. Und das Schöne ist, daß sie das mit großem Respekt für die Leserinnen macht: sie gibt lediglich Anregungen, sagt nie: du musst das so und so machen! Und sie nimmt radikale Umdeutungen vor, z. B. bei der Beschreibung von Salomes Schleiertanz. In ihrer Version der Geschichte wirft Salome mit jedem Schleier eine patriarchale Konditionierung ab, also die jahrhundertealten Vorstellungen, wie eine Frau zu sein hat. Ich bin davon überzeugt, daß jetzt die Zeit reif ist, unser volles Potential zu verwirklichen und die zu sein, die wir sind und nicht die, als die man uns sieht.

auch dieses Walnussblatt will sein volles Potential verwirklichen

Übrigens gilt das auch für Männer. Neulich unterhielten B. und ich uns über Männer und Frauen. B. ist der Ansicht, daß Frauen von Natur aus viel emotionaler sind als Männer. Ich sehe das anders. Ich habe in meinem Leben schon einige Männer erlebt, die sehr emotional waren. Und ebenso kenne ich Frauen, die eher zurückhaltend im Ausdruck von Emotionen sind. Ich glaube, daß Männer über viele Generationen hin darauf konditioniert wurden, nicht zu fühlen. Das war eine Notwendigkeit, weil sie diejenigen waren, die für die Herrschenden in den Krieg ziehen und andere Menschen töten mussten. Gefühle sind bei diesem miesen Job ein großes Hindernis. Wenn es also heute anscheinend weniger emotionale Männer als Frauen gibt, dann ist das die Folge einer seelischen Deformation.

Und dann müsste man noch klären, ob emotional heißt, daß eine*r Gefühle hat oder sie ausdrückt. Ich glaube, in der Regel ist damit der Gefühlsausdruck gemeint. Wenn es darum geht, bin ich wohl weniger emotional, aber ich weiß, daß ich viel fühle. Während meiner Körpertherapieausbildung ließ unser Lehrer John Pierrakos uns gern Energiemandalas machen: wir lagen sternförmig auf dem Boden, die Köpfe im Zentrum, die Beine strahlenförmig nach außen. Dann leitete er uns durch Gefühlszustände und innerhalb kürzester Zeit war der Raum voll von lautem Schreien, Stöhnen, Weinen. Ich habe diese Übung gehasst, denn ich konnte nicht auf Kommando irgendwelche Gefühlsäußerungen produzieren und die lauten Geräusche führten bei mir dazu, daß ich mich kontrahierte. John genoss die Energie, die bei dieser Arbeit entstand; ich hingegen wollte nur weg. Später sagte mir eine Frau, auf deren Worte ich etwas gab: „Wenn eine Person laut schreit oder weint, heißt das noch lange nicht, daß sie besonders viel fühlt, oft eher im Gegenteil.“ Dieser Satz hat mich sehr entlastet.

Zum Schluss noch mein Statement zum Krieg in der Ukraine: Putin hat die Ukraine überfallen, das ist ein Akt der Aggression. Der Westen, allen voran die USA, haben diesen Krieg provoziert und Russland absprachewidrig die NATO vor die Haustür gesetzt. 2014 wurde durch die westlichen Mächte eine neue hochkorrupte Regierung in der Ukraine installiert. Waffenlieferungen verlängern den Krieg und damit das Leiden der Zivilbevölkerung, wie in Syrien geschehen. Die Grünen betätigen sich als Kriegstreiber, indem sie diese Waffenlieferungen fordern. Es gibt Firmen, die eine Menge Geld mit dem Krieg machen, u. a. die deutsche Rhein-Metall.

Übrigens die Grünen: hier in Schleswig-Holstein finden demnächst Landtagswahlen statt und alle Parteien machen offensiv Werbung. Neulich fragte ich einen jungen Mann am Stand der Grünen, ob er wisse, daß für das Lithium in den E-Autos, für das unsere neue Außenministerin vor der Bundestagswahl so sehr geworben hat, in Südamerika Regenwälder abgeholzt werden. Er wusste es und lamentierte gleich: „Das ist ein großes Dilemma.“ Dann berichtete er aber ganz stolz, daß in Niedersachsen gerade eine Fabrik gebaut wird, die Lithium aus den Batterien recycelt. Dann redete er ganz viel und hatte offensichtlich kein Interesse mir zuzuhören. Mir ging es mit ihm genauso und ich ging.

In den 70er Jahren, als ich noch zur außerparlamentarischen radikalen Linken gehörte, habe auch ich in der Stadt an Büchertischen gestanden und versucht, Leute von unseren Positionen zu überzeugen. Das nannte sich damals Agit Prop (Agitation Propaganda) und bedeutete, ganz viel zu reden, dabei den Eindruck des Expertentums zu vermitteln und den anderen nicht zu Wort kommen zu lassen. Natürlich habe ich damals niemanden überzeugt. Ich habe also Verständnis für diesen jungen Grünen, aber das ändert nichts daran, daß ich keine Lust mehr habe, mich auf diese Art von einseitigem Gespräch einzulassen.

Crashkurs

Sumpfdotterblumen

Mittlerweile war ich mal wieder in Münster, um meine Mutter zu besuchen. Außerdem habe ich mich mit typisch deutscher Kleingeistigkeit beschäftigt. Meine Mutter besitzt eine Wohnung in Münster, die wir als Unterkunft benutzen, wenn wir sie besuchen. Von einer Freundin meiner Mutter, die in dem Stadtteil Hinz und Kunz kennt, erfuhr ich, daß es in dem Haus Menschen gibt, die es nicht gut finden, daß die Wohnung nicht durchgehend bewohnt ist. Gut, ich kann das in gewisser Weise verstehen, aber daran lässt sich nichts ändern, solange meine Mutter noch lebt. Ab und zu treffe ich im Treppenhaus Nachbarn, man schnackt ein wenig, oft gibt es auch Fragen nach dem Befinden meiner Mutter. Man kennt sich also ein wenig. Nun kam vor einigen Wochen ein etwas strenger Brief der Hausverwaltung bei mir an, in dem ich aufgefordert wurde, umgehend den unansehnlichen Anblick des Balkons in Ordnung zu bringen. Gemeint waren damit die etwa 10 cm hohen aus dem Blumenkästen ragenden trockenen Überreste von Geranien, die meine Mutter im vorletzten Sommer gepflanzt hatte. Die Nachbarn hätten uns das schon einige Male mitgeteilt und sich nun an die Hausverwaltung gewendet. Ich schrieb höflich, aber nicht freundlich zurück, daß man uns keine einziges Mal wegen dieser Angelegenheit angesprochen hätte, obwohl es viele Gelegenheiten dazu gegeben habe und ich werde die Sache bei meinem nächsten Aufenthalt in Ordnung bringen. Ich bekam dann eine etwas moderatere Antwort, in der man mir mitteilte, daß man diese Sache nicht überprüft habe. Übrigens weiß ich, welche Frau sich beschwert hat. Ich traf sie dieses Mal im Treppenhaus und sie beklagte sich bei mir, daß sie zweimal am selben Tag einkaufen musste, weil sie so vergesslich geworden sei. Ich sagte: „Sehen Sie es doch positiv: Bewegung ist gesund“ und ließ sie stehen. Ich glaube, Deutschland wäre ein angenehmeres Land, wenn man Menschen ganz direkt seine Wünsche und seinen Ärger mitteilte. Was bin ich mal wieder froh über mein freundliches kleines Dorf!

Es haben viele Menschen ihr Interesse an meinen Kräuterkursen bekundet. Die meisten nannten als Grund, daß sie sich von der Schulmedizin unabhängig machen wollten. Das habe ich erstmal als Tendenz hin zu mehr Selbstverantwortung begrüßt. Mittlerweile hat sich herausgestellt, daß es einigen darum geht, einen Crashkurs in Kräuterheilkunde zu bekommen: eine ganze Liste von Pflanzen, wogegen sie wirken und möglichst auch gleich noch die dazugehörigen Krankheitssymptome in einem Tageskurs. Ich verstehe, daß dieses Bedürfnis als Reaktion auf die Coronamassenpsychose entstanden ist. Aber das kann ich nicht befriedigen. Dann kauft euch ein gutes Buch – sowas gibt es – in dem man nachschlagen kann. Das funktioniert manchmal, aber eben nicht immer. Ich selbst habe in vielen Jahren von, über und mit den Pflanzen gelernt, ich habe Erfahrungsberichte von anderen gesammelt und damit mein Wissen erweitert, ich lerne immer noch und werde damit nicht aufhören, solange ich lernen kann. Ja, es ist möglich und in meinen Augen auch notwendig, sich weitgehend unabhängig von der Schulmedizin und die Heilkunde wieder zur Allmende zu machen. Aber wie ich schon in meinen letzten Posts gesagt habe: nach meiner Erfahrung ist das Wichtigste die Beziehung zu den Pflanzen. Unsere grünen Helferwesen brauchen den Kontakt mit uns (und wir ihn mit ihnen), um uns gut helfen zu können. Hier gilt der alte Spruch: Gut Ding will Weile haben. Das heißt letztlich: wir müssen uns vom Gedanken des Konsumierens verabschieden.

Auf der Zugfahrt las ich heute in dem Buch Der Vagus Schlüssel zur Traumaheilung von Gopal Norbert Klein. Der Autor – ich habe schon mal über ein Interview mit ihm geschrieben – vertritt die schlüssige These, daß all die vielen Übungen, die mittlerweile um die Themen Vagus und Trauma auf dem Therapiemarkt kursieren, nichts weiter als Wellnessübungen sind, die letztlich nicht heilend wirken können. Das macht sehr viel Sinn für mich. Es ist im Grunde immer dasselbe Muster: Menschen wünschen sich eine Pille, eine Pflanze, eine Übung, die ihre Beschwerden schnell wegmacht. Wodurch findet aber wirkliche Heilung statt? Durch Beziehung! Ich habe an anderer Stelle darüber geschrieben und finde es spannend, daß dieses Thema jetzt von mehreren Seiten zu mir kommt.

Maskenball

Die neue Regierung hat uns vor einigen Monaten für den 20. März den Freedom Day, also das Ende aller Corona-Maßnahmen versprochen. Nun, es ging so wie mit allen anderen Versprechen, es wurde nicht eingehalten. Stattdessen werden die Maßnahmen je nach Bundesland in einem schleppenden Tempo zurückgefahren. In Schleswig-Holstein wurde am 2. April die Maskenpflicht aufgehoben, allerdings nicht für alle Bereiche. Und die Händler dürfen selbst entscheiden, ob sie diese beibehalten oder nicht. Am Dienstag fuhr ich zum Geschäft eines Bekannten, in dem ich das letzte Mal vor über zwei Jahren war. An der Tür machte ein Schild mich darauf aufmerksam, daß hier weiterhin eine Maske getragen werden müsse. Ich ging schlecht gelaunt rein und fragte die Verkäuferin nach den Gründen. „Wegen der Sicherheit und weil die Infektionszahlen weiterhin so hoch sind“, antwortete sie hinter ihrer Plexiglasscheibe. Meine Lust, in diesem Laden in Ruhe herumzustöbern und vielleicht etwas zu kaufen, fiel auf den Nullpunkt. Ich bin widerwilliger denn je, mir diesen gesundheitsschädlichen Rotzlappen vor die Nase zu binden.

Etwas ängstlich fuhr ich heute nach Kiel. Was würde mich dort erwarten? Würde ich meinen Vorsatz, nur da einzukaufen, wo ich mit freiem Gesicht reinkäme, erfüllen können? Beim Biobäcker hing kein Schild mehr vor der Tür. Ich ging maskenlos rein. Die Verkäuferin zog ihre Maske hoch, als sie mich sah. Als ich sie darauf ansprach, erklärte sie: „Zu meiner eigenen Sicherheit“. Meinetwegen, wenn es ihr damit besser geht.

Auf dem Markt war es ohnehin kein Problem. Dort ist seit einigen Wochen auch das Schlangestehen abgeschafft. Anschließend benutzte ich die öffentliche Toilette. Ein Schild wies mich auf die weiterhin bestehende Maskenpflicht hin. Ich ging ohne Maske rein und wartete vor den verschlossenen Kabinen. Dabei hörte ich zu, wie sich zwei Marktfrauen eifrig über das schäbige Wetter unterhielten, untermalt von Pinkelgeräuschen. Die Toilettenfrau kam mit ihrem Schrubber rein. Sie trug ihre Maske unter dem Kinn, sah mir ins Gesicht und sagte gut gelaunt: „So geht das ja nun nicht.“ „Was denn?“ fragte ich. „Na, das Wetter“, antwortete sie. Dann entspann sich ein Gespräch zwischen den beiden Marktfrauen, die immer noch auf dem Klo saßen, der Toilettenfrau und mir. Ich muss sagen, daß ich mich in dieser Umgebung fast heimisch fühlte und fand die 50 Cent-Klobenutzungsgebühr gut angelegt. Kurz dachte ich auch, daß Klofrau vielleicht gar nicht der schlechteste, wenn auch ziemlich unterbezahlte Beruf ist.

In meiner Bank herrschte immer noch Maskenpflicht. Ich benutzte den Geldautomaten im Eingangsbereich und widerstand der Versuchung, der Überwachungskamera die Zunge aus meinem maskenfreien Gesicht rauszustrecken.

Zuletzt ging ich in den Stoffladen, um Garn zu kaufen und nach einem Schnitt für einen Sommerrock zu schauen. An der Tür wies ein Schild mich darauf hin, daß man das Tragen einer Maske empfehle, zu meiner und der Sicherheit der Angestellten. Ich muss ja nicht jeder Empfehlung folgen, ging also ohne Maske rein und wurde von einer ebenfalls unmaskierten Verkäuferin begrüßt.

Auf der Rückfahrt musste ich sehr über die Slogans auf den Wahlplakaten lachen, z. B. „Mobilität ist -Freiheit“ von einer der Regierungsparteien. Ja, ihr Schlauberger: erst kassiert ihr unsere Grundrechte und damit unsere Freiheit und dann wird Freiheit neu definiert als Mobilität. Und das bei Spritpreisen, die jeden Normalverdiener dazu bringen, das Auto möglichst oft stehenzulassen und die Pendler alt aussehen lässt. Und falls Mobilität mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gemeint sein sollte: die kann man sich auch kaum leisten.

Wieder zu Hause traute ich meinen Augen nicht: da lag Schnee vor der Tür. Den hatte es am Morgen noch nicht gegeben und auch nicht in Kiel.

Alles in allem war es ein sehr lustiger Tag.

Beziehung

Das gute selbstgebackene Roggenbrot

In Hessen ging ich nach dem Mittag- oder Abendessen in den Wald. Ich kam an einer Wiese vorbei und hörte den jubilierenden Gesang einer Lerche. Wenig später konnte ich sie auch sehen, wie sie über der Wiese auf- und niederflog. Als ich Kind war, gehörten Lerchen zum Frühling und Sommer. Sie waren überall, wo es Wiesen gab. Daß sie dabei sind zu verschwinden, habe ich erst bemerkt,, als ich vor etwa zehn Jahren mal wieder eine hörte und sah, ganz in meiner Nähe in einem Kiesgrubenbiotop. Aber seit einigen Jahren ist sie auch dort verschwunden. Das ist sehr traurig. Diese kleinen Vögel sind für mich der Inbegriff der großen Freude über die Schönheit der Erde: dieser ekstatische Gesang, das Tanzen in der Luft – es ist die reinste Lebensfreude, ein überquellendes Dankeslied an Mutter Erde und ihre Fülle. Es gibt kaum noch naturbelassene Wiesen, in denen sie brüten können.

Noch etwas anderes verschwindet. Vom Zug aus konnte ich, während wir durch Niedersachsen fuhren, sehen, daß die Wälder meiner Kindheit sterben. Es waren Fichten, Hunderte, Tausende toter Fichten, an denen wir vorbeifuhren. Ich habe Bilder vom Harz gesehen, wo man jetzt an einigen Stellen dazu übergegangen ist, den Wald sich selbst zu überlassen, das Sterben geschehen zu lassen und zuzusehen, wie er sich mit anderer Vegetation von selbst erneuert. Das halte ich für die einzig richtige Antwort auf das große Sterben: sich nicht mehr einzumischen, sondern der Selbstregulation zu vertrauen. Ich weiß, daß das Sterben seine Ursache in den Monokulturen, der Trockenheit und dem Befall mit Borkenkäfern hat und daß alles miteinander zusammenhängt.

Meine grünen Verbündeten

Mich beschäftigt immer noch das extreme Verhalten der Teilnehmerin meines letzten Kräuterkurses. Sie hat mir zum Schluss, bevor ich sie wegschickte, noch gesagt, daß sie etwas anderes erwartet hätte. Nun, wenn sie meine Homepage oder den Flyer gelesen hätte (was sie angeblich getan hat) oder wenn sie mir zugehört hätte (was sie nicht getan hat), wäre ihr schon zu Beginn klar geworden, daß ich nicht die richtige Lehrerin für sie bin.

Mir kommt es in meinen Kursen darauf an, Menschen zu vermitteln, wie sie mit den Pflanzen in Beziehung treten können. Dazu braucht es die Bereitschaft sich einzulassen und alle Sinne einzusetzen. Von meiner Seite gibt es ein breites Angebot an Geschichten, Mythen, Erfahrungsberichten mit den Pflanzen, auch Wissenschaftliches und zum Abschluss ein Skript mit den wichtigsten Informationen. Man kann Pflanzen benutzen wie Medikamente, also mit der Einstellung: ich will ein Mittel, was mir meine Krankheit, meine Beschwerden wegmacht. Diese Haltung kennen wir alle, sie ist verständlich. Mit dieser Haltung gehen wir auch in der Regel zum Arzt, der uns schnell von allem befreien soll, was uns plagt. Man bekommt dann Schlaftabletten, Tabletten gegen Schmerzen und Bluthochdruck, Antidepressiva und was heute noch so alles völlig normal geworden ist. Aber all diese Mittel helfen – im günstigsten Fall und längst nicht immer und jedem – nur gegen die Symptome. Sie können nicht heilen. Das gilt auch für Pflanzen, die anstelle der Erzeugnisse der Pharmaindustrie eingesetzt werden: vielleicht helfen sie vorübergehend, aber sie heilen nicht.

Damit Heilung geschehen kann, braucht es nach meiner Erfahrung Beziehung. Das heißt zuallererst Beziehung zu mir selbst, zu meinem Körper. Dabei können Fragen helfen: wozu brauche ich diese Krankheit? Ich glaube, daß jede Krankheit eine Aufgabe mit sich bringt, die erkannt werden will. Im Wort Aufgabe steckt das Aufgeben. Was möchte aufgegeben werden? Welche Einstellungen, welche alten Glaubenssätze sind nicht mehr angemessen? Dazu fällt mir wieder der Satz meines verstorbenen Freundes und ehemaligen Therapeuten Jans ein: „Die Seele sagt zum Körper: sag du’s ihr. Auf mich hört sie nicht.“ Im Fall einer Grippe oder meinetwegen auch Covid ist das einfach: die Aufgabe ist, sich ins Bett zu legen und der Weisheit des Körpers das Feld zu überlassen. Da Fieber, Gliederschmerzen und was man sonst noch an typischen Symptomen hat, den Verstand genialerweise weitgehend lahmlegen, kann der dabei auch nicht stören. Das ist Körperintelligenz! Bei anderen Krankheiten dauert das länger. Ich bin in meinem Leben nicht sehr oft, aber einige Male schwer krank gewesen. Das letzte Mal hat sich in meinem 28. Lebensjahr ereignet und es hat viele Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig gesund war. Aber diese Zeit war so wichtig für mich und ich wäre nicht die, die ich bin, wenn ich sie nicht gehabt hätte. Im Rückblick weiß ich, daß sie zu meinem Seelenplan gehörte. Zurück zu den Pflanzen: wenn ich mir wünsche, daß die Pflanzen mir helfen in meinem Genesungsprozess, dann ist es gut, mit ihnen in Beziehung zu gehen, sie als lebendige Wesenheiten zu erkennen und von ihnen zu lernen. Man kann natürlich auch Bücher oder das Internet zu Rate ziehen: welche Pflanzen helfen bei diesen oder jenen Beschwerden? Das ist die gleiche Haltung wie bei der Einnahme von Tabletten. Kann man machen, aber es ist dann eben nur Symptombehandlung. Es ist die Konditionierung des Konsumierens. Es ist eine Frage der Entscheidung. Mein Weg ist ein anderer und ich finde ihn zutiefst befriedigend und erfüllend. Das ist das, was ich in meinen Kursen vermittle.

Etwas abgewandelte Aufforderung von Willem Christiaan Engel, Tänzer und Aktivist, der vor einigen Tagen aus der Untersuchungshaft in Rotterdam entlassen wurde

Und wer noch was anderes über den Ukrainekrieg lesen möchte als das Dauergeschrei der Mainstreammedien: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-deutschen-wollen-den-krieg-in-der-ukraine-gewinnen