Emma Goldman

Ich habe an dieser Stelle schon einige Male einen Satz zitiert, der der Anarchistin und Feministin Emma Goldman zugeschrieben wird, nämlich daß eine Revolution, bei der sie nicht tanzen könne, nicht ihre Revolution sei. Jetzt habe ich erfahren, daß er in dieser Form gar nicht von ihr stammt. Tatsächlich hat sie in ihrer Autobiographie Living my Life Folgendes geschrieben: I want freedom, the right of selfexpression, everybody’s right to beautiful, radiant things.“ (Ich will Freiheit, das Recht auf Selbstausdruck, jedermanns Recht auf schöne und strahlende Dinge). Der Anlass dieser Worte war die Kritik eines jungen Mannes an ihrem ausgelassenen Tanzstil. Er bemängelte diesen als frivol und fand ihr Verhalten der „Sache“, also dem Einsatz für eine herrschaftsfreie Gesellschaft, nicht angemessen. Darauf reagierte sie dann nachvollziehbarerweise sehr zornig. Das erinnert mich an meine eigene Geschichte: als sehr junge Frau war ich einige Zeit Mitglied des Münsteraner Ortsgruppenvorstands der Liga gegen den Imperialismus, einer Schwesterorganisation der damaligen maoistischen KPD. Es herrschte dort ein strenges und äußerst lustfeindliches Regiment, was bedeutete, daß alle persönlichen Interessen dem „antiimperialistischen Kampf“ untergeordnet wurden. Das wurde auch immer wieder überprüft. Als mein damaliger Ehemann und ich beschlossen, ein Kind zu bekommen und ich dann recht schnell schwanger wurde, wurde ich vom Vorstandsvorsitzenden streng gerügt, das sei nicht politisch abgesprochen. Ich wurde von der Vorstandsarbeit suspendiert. Trotzdem habe ich dann noch einige Jahre in dieser Organisation zugebracht, wofür ich heute keine richtige Erklärung habe. Gelernt habe ich aus diesem und einigen anderen Vorfällen dann letztendlich dieses: wenn alles, was Freude macht und dem Herzen entspringt, einer „Sache“ geopfert wird, dann kann aus dieser „Sache“ nichts Schönes und Freudvolles entstehen. Sobald Selbstausbeutung und Selbstaufopferung eine Rolle spielen, ist es Zeit, schleunigst das Weite zu suchen! Heute bin ich richtig froh, daß wir damals keinen Erfolg gehabt haben; es wäre eine Diktatur dabei herausgekommen. Apropos Diktatur, hier ein weiterer Ausspruch von Emma Goldman: „[M]uch as I loathe Hitler, Mussolini, Stalin and Franco, I would not support a war against them and for the democracies which, in the last analysis, are only Fascist in disguise.“ (So sehr ich Hitler, Mussolini, Stalin und Franco verabscheue, würde ich keinen Krieg gegen sie und für die Demokratien unterstützen, die bei genauer Analyse nur Faschisten in Verkleidung sind). Danke Emma, du sprichst mir aus der Seele!

Während ich in Münster war, sind meine Bienen geschwärmt. Das ist nichts Ungewöhnliches um diese Jahreszeit. Das Besondere ist aber, daß dieser Schwarm in die leerstehende Bienenbehausung des Volkes eingezogen ist, das im Herbst bereits gestorben ist. Ich hatte den unbewohnten Top Bar Hive noch nicht ausgeräumt und sauber gemacht; es waren da also noch die alten Waben mit Honig und wahrscheinlich auch toter Brut sowie tote Bienen drin. Das hat den Schwarm nicht gestört: wahrscheinlich haben sie geputzt und aufgeräumt und das übernommen, was sie selbst gebrauchen konnten. Das nennt man dann wohl Schwarmintelligenz! Bemerkenswert ist noch etwas anderes: in den letzten Jahren haben sich einige Menschen der Erforschung des natürlichen Bienenverhaltens jenseits imkerlicher Eingriffe gewidmet. Einer von ihnen ist Torben Schiffer, der die Rolle des Bücherskorpions, eine kleinen Mitbewohners von gesunden Bienenvölkern, erforscht und viel berechtigte Kritik an den Praktiken der Imker, auch derer, die sich der „wesensgemäßen Imkerei“ verschrieben haben (also die Leute aus meinem Verein) geübt hat. Er hat z. B. festgestellt, daß Imker Massentierhaltung betreiben, wenn sie viele Bienenkästen dicht an dicht aufstellen. In der freien Natur halten Bienenvölker einen Abstand von mindestens 800 m. Nun habe ich bereits einiges an meiner Bienenhaltung geändert: ich arbeite nicht mehr mit der äußerst qualvollen Ameisensäure gegen die Varroamilbe und habe meine beiden TBHs auseinandergerückt. Ein Abstand von 800 m ist aber in meinem Garten nicht möglich, es sind in der Realtität nur ca. 8 m. Auch steht der neubezogene Kasten ziemlich in der Sonne, was im Sommer die Bienen viel Energie kostet, denn sie müssen für Kühlung ihrer Waben sorgen. Im Winter dagegen müssen sie viel Energie aufwenden, um sich zu wärmen, weil die Wände der Top Bar Hives recht dünn und nicht isoliert sind. Ich hatte den Plan, mit einem neuen System zu arbeiten, das ein Imker aus meinem Verein entwickelt hat. Das wäre allerdings erst ab dem nächsten Jahr möglich. Jetzt hat dieser Schwarm sich über all die Erkenntnisse von Torben Schiffer hinweggesetzt und beschlossen, mit einer suboptimalen Behausung vorliebzunehmen. Irgendwie macht mich das ziemlich froh, weil es mir mal wieder zeigt, daß Mutter Natur nicht nach unserer Pfeife tanzt.

Dieser Schwarm ist heute Mittag abgegangen und hat sich kurz im Apfelbaum meiner Nachbarn niedergelassen, um dann das Weite zu suchen. Gute Reise und möget ihr einen guten Platz gefunden haben!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.