Frieden

Vor einigen Tagen saß ich in der Sonne und sah den Bienen beim Fliegen und Polleneintragen zu. Die Vögel sangen aus vollen Kehlen, hoch am Himmel zogen drei Seeadler ihre gemächlichen Kreise – ich konnte ihre weißen Schwanzfedern im Licht deutlich erkennen – , eine Eidechse kroch aus dem Steinhaufen und setzte sich auf einen liegenden Baumstamm, so daß ich sie richtig lange betrachten konnte. Es war so ein großer Frieden in mir, wie ich ihn lange nicht mehr gefühlt habe. Wenige Tage später streifte ich durch die Landschaft, um Pflanzen zu entdecken. Ich hockte am Bachlauf im sumpfigen Wald bei den Teichen und schaute mir das noch nicht aufgeblühte Milzkraut und die Bachbunge an, da hörte ich ein Knistern und sah ein sehr kleines Tier, das aus dem trockenen Laub kroch. Ich blieb ganz still und erkannte einen kleinen Molch. Ich glaube, den letzten hat mir mein Vater gezeigt, als ich ein Kind war. Es lohnt sich, ganz ruhig in der Natur zu sein, dann hat eine die Chance, die wilden Wesen zu sehen, die sonst die Menschen scheuen.

Die immer mal wieder aufflammende Angst, nein, nicht vor dem Virus, sondern vor den Plänen der herrschenden Elite, ist deutlich weniger geworden. Geholfen hat dabei der fast völlige Verzicht auf die Mainstreammedien. Auch die Alternativmedien konsumiere ich mit Bedacht, denn auch dort wird gelegentlich mit Angst gearbeitet, ebenso mit Falschmeldungen. Besonders hilfreich finde ich, ganz bewusst darauf zu achten, was mir gut tut und was nicht. Ich bin wählerischer im Umgang mit anderen Menschen geworden und frage mich: Wer tut mir gut? Ja, es stimmt, daß es eine immer deutlichere Spaltung gibt, auch in meinem Bekanntenkreis. Manchmal sind die Gesprächsthemen stark eingeengt, wenn wir Streit vermeiden wollen. Ich lerne zu akzeptieren, daß manche Freundschaften auf der Strecke bleiben werden. Dafür lerne ich immer wieder neue Leute kennen, mit denen ich etwas anfangen kann. Die letzten zwei Jahre haben so viel verändert und das wird wohl auch erst mal so weiter gehen. Manche spirituelle Menschen sprechen von zwei unterschiedlichen Zeitlinien. Ich sehe auch, wie sich immer klarere Parallelstrukturen entwickeln und das kann ich nur begrüßen. Das Alte stirbt und etwas Neues entsteht und beides geschieht gleichzeitig. Neulich wurde ich Zeugin, wie eine Frau in eine heftige Kriegsrhetorik verfiel, nach dem Motto: „Wir Europäer haben jetzt die moralische Pflicht, in den Krieg mit Russland einzusteigen, weil Putin wie Hitler ist.“ Ich fühlte mich sehr unwohl in ihrer Gegenwart, blieb aber ganz bei mir und stieg nicht in eine Argumentation ein, wie das sonst häufig meine Art ist. Solche Menschen vermeide ich aber wo ich kann. Sie tun mir einfach nicht gut. Und wenn ich mit ihnen zu tun habe, lohnt es sich, mich zu fragen, wo meine eigene Kriegsrhetorik ist. Es gibt keinen Frieden durch Krieg, das ist ja eine ganz banale Wahrheit. Ich glaube, der erste Schritt hin zu Frieden ist, wenn ich dem vermeintlichen Gegner aufrecht und mit leeren Händen entgegen trete.

Ich bin immer noch mit Lucia Renés Buch Unplugging Patriarchy beschäftigt und es ist faszinierend, wie sehr das Zeitgeschehen um 2003, auf das sie sich bezieht, dem heutigen ähnelt. Und wie gründllich sie die ganzen Ringe der Macht untersucht hat und durchschaut! Jetzt bin ich gerade bei der Macht der Medien und der Religionen. Seit mindestens fünftausend Jahren gibt es das Patriarchat, das seine Macht mit Angst und Schrecken ausübt. Und es wiederholt sich alles immer und immer wieder: ich sehe durchaus Parallelen zwischen der Inquisition und den heutigen Zuständen, wo es nur noch eine Wahrheit zu geben scheint, wo abweichende Meinungen gar nicht mehr in der Öffentlichkeit erscheinen dürfen, wo Menschen aufs Übeste diffamiert und schlecht gemacht werden, wo der Totalitarismus aus der Mitte der Gesellschaft entsteht.

Vor einigen Jahren kam, während ich morgens im Garten saß und in die Landschaft schaute, plötzlich der Satz zu mir: „Diese Welt wird untergehen.“ Das hat mich damals erschreckt, zumal ich gefühlt habe, daß es die Wahrheit war. Jetzt erleben wir, wie diese alte gewohnte Welt untergeht. Und das muss so sein, damit etwas Neues kommen kann. Und wir gestalten dieses Neue, niemand sonst. Und dann freue ich mich über die kleinen Gesten, die aus einem neuen Traum zu kommen scheinen: heute fuhr ich nach Rendsburg, um drei 25-Kilo-Säcke mit Zucker für die Bienen abzuholen. Zwei davon übergab ich in Kiel an eine Imkerin aus meinem Verein. Dann standen wir neben unseren Autos und unterhielten uns, während der Verkehr an uns vorbeibrauste. Sie wollte mir Geld für meine Spritkosten geben. Ich lehnte ab und sie schenkte mir Eier von ihren Hühnern. Über diese Art von Gegenseitigkeit freue ich mich viel mehr als über Geld.

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