Die wilden Kräfte

Vor fast vierzig Jahren las ich ein Buch mit dem Titel Die schönen Kräfte, geschrieben von Lisa Malin. Es ging in ihm um das Thema Heilen mit Hilfe von Kräften, Energien, die von den Schulwissenschaften nicht anerkannt und/oder bekämpft werden. An die schönen Kräfte musste ich vor kurzem denken, als ich mal wieder morgens in die Landschaft und auf den kürzlich in ca. 2 km Entfernung aufgestellten 5G-Mast sah und dann plötzlich sehr deutlich spürte/wahrnahm, daß wir, die wir dem Lebendigen dienen wollen, Hilfe aus anderen Ebenen bekommen: von den Kräften der Erde, den wilden Kräften.

Spannende Dinge ereignen sich: so erfuhr ich aus der neuen Oya, daß mehrere Delegationen der indigenen Zapatistas aus Mexiko, die seit Mitte der 90er Jahre Erfahrung im Widerstand gegen das mörderische globale Wirtschaftsystem sind und herrschaftsfreie Selbstorganisation praktizieren, nach Europa gekommen sind, um sich zu vernetzen und auszutauschen (Näheres über die Aktion auf ya-basta-netz.org). Ich habe an anderer Stelle schon mal über die Zapatistas und ihren Leitspruch Preguntando caminamos (Fragend gehen wir voran) geschrieben. Mir gefällt dieses Motto sehr gut, denn es drückt aus, daß die Fragen wichtiger sind als schnelle Antworten und daß sich der Weg beim Gehen erschließt. Das sage ich mir natürlich in allererster Linie selbst, denn ich bin eine, die es gewöhnt ist, schnelle Antworten zu finden und alles in eine passende Schublade einzuorden. Da bin ich so konditioniert wie viele, wenn nicht die meisten in unserer Kultur. Und ich übe mich darin, genau diese Programmierung hinter mir zu lassen, denn sie wird der Komplexität des Lebens nicht gerecht.

Pfifferlinge und andere Köstlichkeiten, ein Geschenk meines pilzkundigen Nachbarn

Vor einer Woche gingen I. und ich ins Blé noir um Moules frites (Miesmuscheln nach einem Rezept aus der Normandie) zu essen und nutzten damit die letzte Gelegenheit eines kostenlosen PoR-Test. Seit Montag sind die für Restaurantbesuche obligatorischen Test kostenpflichtig und das heißt für mich: kein Restaurant und kein Café mehr. Ich weiß aber mittlerweile auch von einigen Restaurantbetreibern, die das Ganze nicht mitmachen. Und von einer Frau, die kürzlich in Paris war, erfuhr ich, daß viele Franzosen diese auch in Frankreich vorgeschriebenen Einschränkungen ignorieren oder kreative Möglichkeiten finden, wie etwa in vielen kleinen Gruppen vor den Cafés auf dem Pflaster sitzend zu picknicken. Ich hatte ja genug Zeit, mich innerlich darauf einzustellen, daß meine gewohnten Cafébesuche nicht mehr stattfinden. Ja, das Leben ist anders geworden und wird sich wohl noch viel mehr verändern. Mittlerweile kann ich das sogar genießen und habe Tage, an denen ich mich ausgesprochen wohl und optimistisch fühle. Es muss sich ja alles verändern, kein Bereich unseres gewohnten Lebens ist davon ausgenommen, das wird immer klarer. Mit 14 Jahren erwachte mein rebellischer Geist und legte sich nie wieder schlafen, und im Rückblick scheint mir, daß die mehr als 50 Jahre seitdem mich auf die jetzige Zeit vorbereitet haben.

In meine persönliche Geschichtsschreibung wird 2020 als das Jahr eingehen, an dem Deutschland (und viele andere Länder) den Weg in einen neuen Totalitarismus einschlug. Und wer mir das Vergleichsargument entgegenhält, daß ich ja keine Ahnung hätte, was Diktatur ist und ich sollte mal nach China schauen, dem/der erwidere ich darauf: Wenn es woanders noch schlimmer als hier ist, kann das kein Grund sein, die massiven Grundrechtseinschränkungen, die Zensur auf Youtube und den indirekten Impfzwang, die wir hier mittlerweile hinnehmen müssen, für den Ausdruck von Freiheit zu halten. Nebenbei: fällt noch anderen Menschen auf, daß wir seit Beginn der Coronamaßnahmen eine Vervielfachung an Plastikmüll haben? All die Testkits, die Einmalkleidung, die Masken, die Visiere usw. Aber wenigstens sind die Plastikstrohhalme verboten.

Von Robert Gernhardt gibt es ein schönes Gedicht, das mit den Worten anfängt:

“Von einer Katze lernen

heißt siegen lernen.

Wobei siegen ‘locker durchkommen’ meint,

also praktisch: liegen lernen.“

Wenn ich meine Katze ansehe, wie sie den allergrößten Teil des Tages irgendwo tiefenentspannt rumliegt und ratzt, muss ich Robert Gernhardt recht geben. Was für ein beneidenswertes Wesen! Ich beneide sie nicht nur für diese tiefe Entspanntheit sondern auch dafür, daß sie ohne Gepäck reist. Katzen haben alles am Leib, was sie brauchen: spitze Zähne, geschmeidige Muskeln, extrem gut entwickelte Sinne, noch dazu solche, von denen wir keine Ahnung haben. Sie brauchen kein Haus, keine Kleidung, kein Auto, kein Smartphone, keine Gesetze. Sie lassen sich nicht beherrschen, sie leben völlig im Jetzt. Ich glaube, ein großer Teil unserer Unfreiheit hat mit Besitz zu tun. Also: liegen lernen! Und liegend und schlafend zur Erkenntnis kommen, wann aufstehen und handeln erforderlich ist.

Eisenhut in der Stadt

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