behindert

Schnur aus Brennnesselfasern

Vor fast zwei Wochen knickte ich beim Einkaufen in Kiel mit dem linken Fuß um. Innerhalb kurzer Zeit schwoll mein Fuß stark an und Laufen und Kupplungtreten taten abscheulich weh. Ich kam noch nach Hause, machte mir einen Stützverband und legte den Fuß hoch. Für den folgenden Tag war ein Ausflug nach Flensburg mit I. und abends schönes Essen vom Le Camping geplant. Ich telefonierte meiner Tochter und teilte ihr mit, daß ich zu irgendwelchen Gängen nicht in der Lage sei. Aber da das Essen längst geordert worden war, fuhr ich am nächsten Tag dann doch nach Kiel, um I. abzuholen und sie fuhr dann den Rest des Weges. Das Essen war vorzüglich, aber der Genuss durch die anhaltenden Schmerzen etwas reduziert. Außer meinen hässlichen Treckingsandalen passte kein Schuh und ich konnte mich nur humpelnd fortbewegen. Am Abend fuhren wir wieder nach Hause. Glücklicherweise kam meine Tochter mit und blieb ein paar Tage. Sie machte die Arbeiten, die ich, behindert wie ich war, nicht machen konnte, z. B. dicke Bohnen im Garten pflücken, die ich dann mit kross gebratenem Speck und neuen Kartoffeln zubereitete. Sehr lecker!

Ich habe mir mal in den 80er Jahren den Fuß verstaucht. Damals war ich in einer Klinikambulanz, wo mein Fuß in einen Stützverband gepackt wurde. Ansonsten habe ich nur noch schwache Erinnerungen daran. Das Krankenhaus sparte ich mir dieses Mal ein. Einen professionellen Verband kann ich mir selber anlegen, Beinwellsalbe habe ich immer im Haus und ansonsten war Geduld angesagt. In den folgenden Tagen entwickelte sich ein ausgedehnter Bluterguss bis zu den Zehen und zur Ferse. Nachts kroch ich auf allen Vieren zur Toilette, weil der Schmerz direkt nach dem Aufstehen am schlimmsten war.

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die lange stillsitzen können. Das musste ich aber. Ständig Lesen machte mir auch keinen Spaß und dummerweise war ich mit meiner Strickwolle auch am Ende. Ich wollte neue bei Voilà in Münster bestellen und erfuhr dabei, daß der Laden, in dem ich mehr als 30 Jahre die wahrscheinlich beste Alpacawolle der Welt gekauft hatte, nicht mehr existierte. Mist! Meine Rettung war dann Dörte Dietrichs Wollwerkstatt in Kiel: bei ihr bestellte ich schöne weiche Sockenwolle in vielen Farben. Bis die eintraf, übte ich das Schnurdrehen aus Brennnesselfasern, wie wir es beim Wildnisseminar gelernt hatten. Wie gut, daß ich reichlich Brennnesseln im Garten habe. Ich habe auch Pflanzen gezeichnet, die Arbeitsplatte in der Küche mit Hartöl behandelt, mir jeden Tag was Leckeres gekocht und ein neues Kuchenrezept ausprobiert.

Der Bewegungsmangel schlug mir auf die Stimmung und ich merkte, wie sehr Schmerz die Aufmerksamkeit gefangen nimmt. Ich nehme keine Schmerztabletten und hatte auch kein Mädesüßkraut mehr. Ich packte mir zerquetschte Beinwellblätter auf dein Fuß, das brachte leichte Linderung.

Während ich rumsaß, hatte ich die eine oder andere Einsicht, z. B. daß es eine ziemlich blöde Idee war, mit meinem kaputten Fuß nach Flensburg zu fahren, weil diese Aktion mit Sicherheit zu einer Verschlimmerung geführt hat. Aber irgendwie ist es auch typisch für mich und meinen Umgang mit Krankheit. Nachdem ich einige Tage lang mit meinem Zustand gehadert hatte, fielen mir Susun S. Weeds Six Steps of Healing ein. Na klar, mein Fuß sagte es mir ganz deutlich: Step 0 – Do nothing war angesagt: Heilung im Verborgenen geschehen lassen, meine Körperin machen lassen, ihr die Zeit lassen, die es braucht, akzeptieren, daß jetzt etwas anderes dran ist als mein gewohntes Leben. Ab da wurde es erträglicher. In gewisser Weise waren die letzten 12 Tage mein ganz persönlicher Lockdown.

Ich muss aber auch sagen, daß ich sehr dankbar für die Hilfe bin, die ich bekam: meine Tochter war in den ersten drei Tagen bei mir und mein Nachbar T. kaufte einmal für mich ein und brachte mich vor einigen Tagen nach Lütjenburg zum Bioladen, als ich wieder etwas besser laufen konnte. Mittlerweile hat mein Fuß wieder ein fast normales Aussehen.

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