Schenken

Das Coronavirus hat mein ruhiges Leben noch ruhiger und kontemplativer gemacht. Das gefällt mir ganz gut. Ich bin noch nie die Shoppingqueen gewesen, aber jetzt macht das Einkaufen gar keinen Spaß mehr. Ich kaufe das Nötigste: Lebensmittel auf dem Markt, wo man wenigstens ohne Gesichtsmaske rumlaufen kann, und im Bioladen. Alle anderen Läden meide ich. Ich koche mir leckere Sachen und backe häufiger Kuchen als sonst. Ich fahre nur noch einmal pro Woche nach Kiel, spare also Sprit. Allerdings fängt diese Woche endlich der Französischunterricht im Institut francais nach wochenlanger Pause wieder an, was ich begrüße. Ich habe zwar zu Hause weiter geübt, aber in der Gruppe bringt es mehr und macht einfach mehr Spaß.

Gestern Mittag haben die Bienen für Abwechslung gesorgt und sind geschwärmt. Damit hatte ich erst in den nächsten Tagen gerechnet; die Eisheiligen sind ihrem Ruf treu gewesen und es schien mir zu kalt und zu windig. Die Bienen fanden das offensichtlich nicht. Ich beobachtete vom Küchenfenster aus, wie sie durch den Garten zogen, immer wieder vom starken Wind verweht wurden und erst nach langer Zeit entschieden , sich in einer ordentlichen Schwarmtraube in der Hauszwetsche aufzuhängen. Ich konnte sie leicht einfangen und in den bereit stehenden Top Bar Hive einziehen lassen. Eigentlich wollte ich ja nur noch ein Volk halten, wegen des Abstands (Bienen brauchen social distancing, um nicht krank zu werden und sich nicht gegenseitig das Futter streitig zu machen). Aber irgendwie fand ich es dann doch schön, wieder zwei Völker zu haben. Hoffentlich geht es gut.

M. hat mich vor einigen Wochen gefragt, ob ich mit ihr zusammen in Zukunft die Jahreskreisfeste organisiere. Im Gespräch stellte sich dann heraus, daß sie das auf Spendenbasis machen will. Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten und ihr gestern meine Entscheidung mitgeteilt: ich feiere die Jahreskreisfeste seit etwa 35 Jahren, allein, mit Freundinnen und einige Male auch mit meinem Exmann. Nie habe ich dafür Geld genommen. Ich habe diese Feste als Geschenk gesehen, für mich, für die Gästinnen und die Erde. Die Idee, dafür Geld zu nehmen, ist mir sehr unsympathisch. Ich will die Rituale aus der kapitalistischen Tauschlogik heraushalten.

Es ist doch so, daß wir im Grunde alles geschenkt bekommen: die Luft zum Atmen, die Schönheit der Natur, das Leben, die Liebe, und ursprünglich auch die Nahrung. Ich spiele mit dem Gedanken, mein Kräuterwissen als Geschenk weiterzugeben. Eigentlich ist das Wissen um Heilpflanzen Allmende (in der Oya benutzen sie dafür gern das englische Wort Commons, aber ich mag das alte Wort Allmende lieber). Tiere wissen, welches Kraut sie essen müssen, wenn sie krank sind. Menschen wussten es auch mal. Früher gab es wohl in jedem Dorf eine kräuterkundige Person, an die man sich wendete, wenn man Hilfe brauchte. Das überlieferte Pflanzenwissen wurde, angereichert mit eigenen Erfahrungen, weitergegeben. Auch das Hebammenwissen gehört in diesen Bereich. Da möchte ich auch wieder hin und ich halte es auch für dringend notwendig, wieder unsere eigenen Expert*innen für unsere Körper zu werden. Als ich mit M. darüber sprach, wendete sie ein, daß ich ja Geld für meine Ausbildung ausgegeben hätte. Das Pflanzenwissen habe ich mir allerdings größtenteils autodidaktisch beigebracht, ebenso das Feiern von Jahreskreisfesten und anderen Ritualen. Ich habe mittlerweile so oft erfahren, daß es immer irgendetwas zurück gibt: Freude, Begeisterung, Dankbarkeit, Inspiration.

Gestern schickte mir meine Tochter einen Link zu einer Sendung auf 3sat mit Scobel: Vulva – Lust und Tabu. Eine Gynäkologin, eine Sexualberaterin und die Autorin Mithu Sanyal, bekannt durch ihr wundervolles Buch Vulva unterhielten sich über weibliche Sexualität und die vielen Mythen dazu. Natürlich wurde zu meiner Freude auch Siegmund Freud mal wieder gründlich zerlegt. Er hatte wirklich null Ahnung von Frauen, hat aber seine Ahnungslosigkeit als Wahrheit verkauft und damit Generationen von Psychiatern infiziert. Als junge und ehrgeizige Psychiatrieschwester habe ich endlose Diskussionen über Freuds eklatante Fehleinschätzungen über weibliche Sexualtität mit ebenfalls jungen und ehrgeizigen Psychiatern geführt. Nicht daß ich sie überzeugen konnte. Sie hatten das an der Uni gelernt und von einer Frau wollten sie nichts Neues lernen. Die Gynäkologin sagte auf die Frage, wieso es so vielen Medizinern gänzlich unbekannt sei, daß die Klitoris nicht nur das kleine sichtbare Knöpfchen zwischen den Vulvalippen ist, sondern ein viel größeres Organ mit zwei Schenkeln, die die Vagina umfassen und auf das Doppelte ihrer Größe anschwellen können, daß diese anatomische Tatsache offensichtlich nicht interessiere. Immerhin weiß ich es seit etwa zehn Jahren. Was ich nicht wusste: die wahre Gestalt der Klitoris war schon vor einigen hundert Jahren bekannt und ist dann wieder in der Bewusstlosigkeit versunken.

Und da fällt mir Ilan Stephani ein, die uns dazu aufrief, alles und jedes zu hinterfragen, vor allem die Gewissheiten. Man verlässt mit diesem Hinterfragen scheinbar sicheres Terrain, aber es scheint mir notwendiger denn je. Das gilt auch für den Umgang mit dem Virus: es fällt schon auf, daß es in der BRD offensichtlich nur einen Virologen gibt, auf den die Regierung hört, Professor Drosten. Aber die anderen, die andere Forschungsergebnisse präsentieren, werden entweder ignoriert oder lächerlich gemacht (Karin Mölling, Hendrik Streeck, Wolfgang Wodarg). Ich glaube übrigens weder an Verschwörungtheorien, noch daß Bill Gates hinter der Coronasache steht (obwohl ich natürlich weit davon entfernt bin, seine enge Verbindung zu Pharmakonzernen gutzuheißen). Ich nehme auch nicht an Demos teil, die ihren Unmut über den Entzug der meisten bürgerlichen Freiheiten anprangern, auch wenn ich die Empörung verstehen kann. Ich halte das Virus weder für eine Strafe Gottes noch für ein Geschenk des Himmels. Was das Virus uns bringen wird, werden wir sehen. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Nicht-Wissen und fühle mich gerade sehr ruhig, sehr entspannt und beobachte mit großem Interesse, was auf unserer Planetin geschieht. Es bleibt spannend.

Zum Schluss noch ein schönes Zitat von der Science fiction-Autorin und Philosophin Ursula LeGuin: „Wir müssen unser In-der-Welt-Sein von Grund auf neu lernen.“ Recht hat sie!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.