Plagen

Jede Person, die einen Garten betreut, kennt das: es gibt Tiere, die gern mitessen, was eine gesät hat und hegt und pflegt. Da kann dann schon mal Verzweiflung aufkommen, wenn die Nacktschnecken nach stundenlangem Dauerregen sämtliche Buschbohnenpflanzen vernichtet haben oder das Damwild nachts den Garten aufsucht und alles futtert, was eine selbst gern essen würde. Dieses Jahr kamen bei mir dann die Kartoffelkäfer dazu, mit denen ich in den mehr als zwanzig Gartenjahren bisher noch keine Bekanntschaft gemacht hatte. Ich befragte meine Gartenbücher, das Internet und eine Gärtnerin am Biogemüsestand auf dem Kieler Blüchermarkt. Sie riet mir, mit Neem zu spritzen. Es klang so, als habe sie damit reichlich Erfahrung.

Nun habe ich  mittlerweile längst gelernt, daß das Etikett Bio keine Garantie dafür ist, daß man andere Lebewesen respektiert. Ich halte es  sogar für möglich, daß sehr kleine Betriebe ihr Land oder ihre Tiere manchmal besser behandeln als solche, die sich eine Biozertifizierung leisten können. So nehmen z. B. auch viele Demeterbetriebe, die ja den allerbesten Ruf haben, die Kälbchen nach wenigen Tagen ihren Müttern weg. Und ein Geflügelhalter, der mehrere Tausend Hennen hält, kann in meinen Augen keine artgerechte Tierhaltung garantieren.

Die Idee, die Kartoffelkäferlarven mit Neempräparaten zu vergiften, finde ich aus mehreren Gründen nicht akzeptabel: ich möchte gern wissen, warum sie bei plötzlich auftreten. Wolf-Dieter Storl sagt dazu, daß gesunde Pflanzen kaum davon betroffen sind und daß es am Boden liegen könnte. Also möchte ich gern wissen, wie ich dem Boden helfen kann, gesund zu werden. Ein weiterer Grund ist, daß ich keine Tiere töte, nur weil sie mein Gemüse und meine Früchte essen. Das steht mir einfach nicht zu. Sie haben ja wie alle Wesen eine Aufgabe, auch wenn ich die nicht immer in ihrer Komplexität verstehen kann. Schnecken sammle ich jeden Abend und bringe sie weg. Ich rede sogar mit ihnen, freundlich natürlich. Das kostet ein wenig Zeit, aber dabei sehe ich dann auch, wie es den Pflanzen so geht. Und da ich in diesem Jahr eine gigantische Erdbeerernte habe, die Früchte reichlich verschenke, wochenlang täglich gegessen, zweimal Erdbeertorte gebacken habe und mittlerweile keine Erdbeeren mehr sehen kann, dürfen die Schnecken sich auch gern darüber hermachen. Es gibt noch einen dritten Grund: wenn im morphogenetischen Feld die Botschaft auftaucht, daß sogenannte Schädlinge massenweise vernichtet werden, entwickelt die Natur Ausgleichstrategien, etwa die Entwicklung von Resistenzen gegen Gifte oder eine Vervielfachung des Nachwuchses. Denn Leben möchte leben. Möglicherweise sind die Nacktschnecken erst deshalb zu einem so großen Problem geworden, weil sie so brutal verfolgt werden.

Ich habe jetzt die Erde unter den Kartoffelpflanzen mit Wurmfarn gemulcht. Ob das was bewirkt, wird sich zeigen. Es soll abwehrend, jedoch nicht tödlich wirken. Mal schaun.

 

Gestern habe ich nochmal einen Beitrag des afrikanischen Philosphen Báyò Akòmoláfé in der Oya #66 gelesen, den ich ziemlich gut finde. Über diesen Autor bin ich übrigens auf das großartige Buch The Holy Wild – A Heathen Bible for the Untamed Woman von Danielle Dulsky gekommen (habe ich an anderer Stelle drüber geschrieben). Báyò Akòmoláfé zitiert ein afrikanisches Sprichwort: When times are urgent, let us slow down (Wenn die Zeit drängt, lass uns langsam machen). Das finde ich ein großartiges Motto und kann es mir jeden Tag mindesten dreimal selbst sagen. Denn ich neige, wie wohl viele Menschen in meinem Umkreis dazu, nach schnellen Lösungen zu suchen, wenn ein Problem auftritt, siehe oben das Problem mit den Tieren im Garten. Ich zitiere ihn mal: „Der Klimawandel hat uns einen Schlag versetzt, also müssen wir zurückschlagen: wir wurden vom reichen 1 Prozent der Weltbevölkerung ausgebeutet, also müssen wir dafür sorgen, daß das Blatt sich wendet; afrikanische Kinder versagen bei einfachen Rechenaufgaben und sind schlecht in der Schule, also schicken wir ihnen Laptops und Geld, um Schulpulte anzuschaffen; die Menschen im Globalen Süden leben von weniger als 1 Dollar pro Tag, also gründen wir Entwicklungshilfeprogramme, und bis diese soweit sind, bieten wir diesen Menschen Kredite an; und wenn uns Traurigkeit überkommt , müssen wir schnell ‚darüber hinwegkommen’… Diese Reaktionsmuster lassen uns einen inneren Monolog aufrecchterhalten, bei dem wir uns selbst immerzu von unserer eigenen Handlungsmacht erzählen. Wir behandeln die Welt, als würde sie sich um uns drehen, als wären wir dazu gemaccht, sie zu reparieren…“

Die Liste kann beliebig fortgesetzt werden: das ganze C-Thema mit dem Lockdown-, Masken- und Impfaktivismus gehört zu den aktuellsten Bespielen. Oder Putin hat die Ukraine angegriffen, also müssen wir jetzt schwere Waffen liefern und die Russen vernichten. Ich glaube, es wäre gut, uns allmählich darüber bewusst zu werden, daß wir keine Kontrolle über die Welt haben und alle unsere Kontrollversuche vor allem Schaden anrichten, ob es jetzt um den Klimawandel geht (an dessen menschengemachter Ursache ich immer mehr zweifle). Oder anders gesagt: wir sind doch nur ein Teil des großen Ganzen. Wie wäre es also, einfach mal die Dinge sich selbst zu überlassen? Ja, wie gesagt: das kann ich mir immer wieder selbst sagen.

Das wurde gestern aus den vielen Johannisbeeren – sehr lecker!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.