Geht es wirklich ums Leben?

Vor einigen Tagen hat unser sehr forscher Gesundheitsminister von sich gegeben, das Gesundheitswesen in Deutschland sei zu keiner Zeit überlastet gewesen. Da ich nicht mehr in der Klinik arbeite, kann ich die dortige Lage nicht überprüfen. Ich weiß aber von einer Krankenschwester aus Flensburg, die von leerstehenden Betten spricht. Soweit so gut. Jedenfalls hat Herr Spahn keine Ahnung von den Zuständen im deutschen Gesundheitswesen. Das ist nämlich schon seit Jahren mehr als überlastet. In meinem ehemaligen Bereich, der Psychiatrie, waren wir im Vergleich noch relativ gut aufgestellt. Aber auch wir haben, in den letzten Jahren zunehmend, Situationen erlebt, die weder gesetzeskonform waren noch menschenwürdig. Gesetzeskonform war es z. B. nicht, wenn wir wegen zu wenig Personal auf der geschlossenen Akutstation nicht mehr in der Lage waren, die Monitore zu beaufsichtigen, was für in der Fixierung liegende Patienten vorgeschrieben sind. Manchmal haben wir die diensthabenden Ärtzt*innen angefleht, niemanden mehr aufzunehmen, weil wir noch nicht mal mehr eine Grundversorgung gewährleisten konnten. Aber natürlich mussten die aufnehmen, weil der Amtsarzt eine Zwangseinweisung veranlasst hatte und es ihm scheißegal war, ob wir damit klarkamen oder nicht. Dann boxte der Papst auf der Station, die fixierten Patienten schrieen den ganzen Tag in ihren Gurten und wir kamen einfach nicht hinterher. Auch habe ich oft allein gearbeitet und keine Pause nehmen können (die übrigens auch gesetzlich vorgeschrieben ist). Aber richtig beschissen ging und geht es schon seit Jahren den Pflegekräften, die auf den Intensivstationen arbeiten.

Ich habe übrigens heute mit meinem Sohn telefoniert und ihm eindringlich gesagt, daß ich auf gar keinen Fall beatmet werden möchte. Ich habe eine Patientenverfügung, weiß aber aus Erfahrung, daß die nicht unbedingt beachtet wird. Es ist immer gut, wenn Angehörige und Freund*innen genau Bescheid wissen. Wenn eine*r einmal im Krankenhaus und nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen zu äußern, läuft die „Lebensrettungsmaschinerie“ ohne Gnade. Ich habe es oft genug erlebt. Es darf auf keinen Fall mehr gestorben werden.

Und da kommen wir zu einem Merkmal unserer „Leitkultur“: Tod ist der Feind, Sterben darf nicht stattfinden. Auch weit über 80jährige werden noch reanimiert oder den Strapazen einer künstlichen Beatmung ausgesetzt, die in vielen Fällen dann doch tödlich ausgeht. Das ist ein sehr tiefgehendes Thema und ich glaube, wir alle müssten uns fragen: wie wollen wir leben? Wie wollen wir sterben? Wollen wir auf längere Zeit social distancing praktizieren, weil wir dann vielleicht nicht an Covid-19 erkranken. Ich kann für mich sagen: auf keinen Fall. Als Säugetier bin ich auf Kontakt, auch Körperkontakt angewiesen. Was macht es mit Menschen, denen man das verbietet? Und die armen alten Leute, die in den Pflegeheimen seit Wochen keinen Besuch mehr haben dürfen. Die Angehörigen, die ihre Verstorbenen nur noch mit Distanz und ohne richtige Trauerfeier begraben müssen. Ich stelle fest, daß wir gerade mitten in einer Gesundheitsdiktatur leben. Wie lange machen wir das mit?

Die Herrschenden beschwören uns, das Volk, daß es schließlich bei all diesen Maßnahmen um unser Leben gehe. Aber bei den Tausenden, die seit einigen Jahren im Mittelmeer absaufen, spielt das keine Rolle. Ich möchte gern erleben, daß angesichts der ungeheuerlichen Menge an Hungertoten in Afrika mal an deren Leben gedacht wird, zumal der Hunger dort seit der Kolonialzeit durch den globalen Norden und sein lebensverachtendes Wirtschaftssystem verursacht und aufrechterhalten wird. Was ist mit den ganzen sogenannten Zivilisationserkrankungen, der Zunahme an psychischen Störungen, an Suiziden, an Krebserkrankungen? Die Toten, die jetzt schon weltweit auf das Konto des menschengemachten Klimawandels gehen? Die vielen Verkehrstoten? Wo werden da Maßnahmen für das Leben ergriffen?

Aus dem Radio erfuhr ich, daß die deutsche Autoindustrie von der Regierung Abwrackprämien wie 2009 nach der Bankenkrise verlangt. Da könnte ich vor lauter Zorn in die Tischplatte beißen! Also wollen sie noch mehr hässliche spritfressende SUVs auf den Markt werfen. Klimaschutz?

Corona ist das allerkleinste unserer Probleme! Viren kommen und gehen, sie sind unsere evolutionären Weggefährten, ja und ab und zu kann man mal daran sterben. Und sterben werden wir alle sowieso irgendwann und das ist auch richtig so, weil ohne Tod gibt es kein Leben und ohne Leben keinen Tod. Der Tod ist einfach Teil des Lebens. Und wie Charles Eisenstein so wunderschön sagt: „Anyone who has experienced the passing of someone close knows that death is a portal to love.“ (Jeder, der das Sterben eines nahestehenden Menschen erlebt hat, weiß, daß der Tod eine Pforte zur Liebe ist). Ja, das kann ich bestätigen, weil ich es erlebt habe.

Etwas, was mich erfreut hat: letzte Woche in einem Supermarkt fragte der Mann an der Kasse mich, ob er mir mein Wechselgeld in die bereitstehende Schale oder in meine Hand geben solle. Ich hielt ihm meine Hand hin und sagte: „Ich fürchte mich nicht.“ Er gab mir das Geld und antwortete: „Willkommen im Team!“ Und dann fügte er noch hinzu: „Nicht, daß ich glaube, da ist nichts. Aber mir gefällt nicht, wie damit umgegangen wird. Aber das darf man ja nicht laut sagen.“

Ich habe mich über sein Verhalten gefreut. Und es stimmt: sobald man öffentlich seine eigene Meinung zum Coronavirus und dem Umgang damit äußert, riskiert man Beschimpfungen und Empörung. Wie macht man ein Volk gefügig? Indem man ihm Angst macht.

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