Das Wilde

Ich war mal wieder auf Reisen, dieses Mal nach Münster zu meiner Mutter und habe ein zauberhaftes Buch gelesen, das mir die liebe L. zum Geburtstag geschenkt hat: An das Wilde glauben von der französischen Anthropologin Nastassja Martin. Die Autorin hat in Kamchatka eine Begegnung mit einem Bären gehabt, der sie im Gesicht und am Schädel schwer verletzt hat. Sie beschreibt diese Begegnung, ihre Auseinandersetzung damit und ihren Heilungsweg auf eine sehr intensive und ungewöhnliche Weise. Ihre Sprache ist poetisch und assoziativ, das liest sich einfach wunderbar und ich habe gestern auf dem Rückweg im Zug den größten Teil des Buches in einem Rutsch gelesen.

Sie beschreibt die Gewalt, die sie in einem russischen Krankenhaus und später noch massiver in der Pariser Salpêtrière erlebt hat. Ich weiß genau, wovon sie spricht, denn ich habe Ähnliches selbst erlebt: die Bevormundungen durch Ärzte, die unerschütterlich an ihre eigene Überlegenheit glauben, deren Unfähigkeit, mit den Gefühlen dieser schwer verunstalteten Frau in Resonanz zu gehen, die Eindimensionalität der Psychologin. Aber sie schreibt auch von ihrer Weigerung, den Anordnungen zu folgen und ihnen letztendlich zu entkommen. Schließlich treibt es sie wieder nach Kamchatka, wo sie das, was geschehen ist, weiter verarbeitet. Eine Passage hat mich besonders angesprochen, als die indigene Frau, in deren Jurte sie lebt, ihr vom Zusammenbruch der Sowjetunion erzählt: „Nastja, sagte sie, eines Tages ist das Licht ausgegangen und die Geister sind wiedergekommen. Und wir sind in den Wald zurückgekehrt. … Bei mir ist das Licht nicht ausgegangen und die Geister sind geflohen. Ich sehne mich so sehr danach, das Licht zu löschen. Heute Nacht kehre auch ich in den Wald zurück.“

Oh ja, diese Sehnsucht habe auch ich in mir: nach dem Wald, nach dem natürlichen Licht, nach dem Wilden. In Münster bin ich zwischen den Besuchen bei meiner Mutter viel spazieren gegangen. Die Wohnung meiner Eltern liegt im Stadtrandgebiet und es gibt viel Grün, der Aasee ist nicht weit. Aber das Rauschen der Autobahn ist immer da, in der Nacht blinken die Lichter, es gibt keine richtige Dunkelheit und ständig ist das Brummen von Flugzeugen zu hören. Im Bus waren die meisten mit ihren Smartphones beschäftigt, von den Gesichtern sind nur noch die Augen zu sehen, seit wir zum Maskentragen gezwungen sind. Was für eine traurige Welt. Ja, ich sehne mich danach, daß auch bei uns das Licht ausgeht und ich weiß, daß es geschehen wird, vielleicht schon bald. Und dann ist unsere Kreativität gefragt, dann können wir herausfinden, welches Leben uns wirklich glücklich macht, wenn all diese Ersatzbefriedigungen wegfallen. So gesehen finde ich es übrigens überhaupt nicht schlimm, daß man als ungeimpfter Mensch keinen Zutritt mehr zu diversen Geschäften, Kinos und Restaurants hat. Das alles fehlt mir nicht und ich greife auch nicht auf den Online-Handel zurück. Auch den brauche ich nicht. Und auch hier werden die Geister zurückkehren.

In der Welt, die ich mir seit kurzem einmal in der Woche leiste (mal sehen, wie lange noch), nachdem mich die Süddeutsche und die TAZ wegen ihrer Coronaberichterstattung schwer anwidern, stand am Montag ein Erklärungsversuch, warum die Impfquote in den deutschsprachigen Ländern so niedrig ist: das läge an der Romantik, die zu einer „Naturvergötzung“ geführt habe. Tja, das spricht für sich selbst. Aber am letzten Donnerstag hat Otto Schily, den ich mal gut fand und dann nicht mehr, als er als Innenminister der Schröder-Fischer-Regierung zum Oberscharfmacher der Nation mutierte, einen Kommentar geschrieben, der mir gefiel. Er hält die geplante Einführung der Impfpflicht für verfassungswidrig und ist, obwohl selbst dreifach geimpft, strikt dagegen.

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