Halo

Gestern Abend ging ich raus und sah einen leuchtenden Halo um den zunehmenden Mond. Ich rief meine Tochter an, um sie darauf hinzuweisen, aber in der Stadt mit den vielen störenden Lichtern konnte sie ihn nicht erkennen. Mein Vater hat mir dieses Phänomen gezeigt, als ich ein Kind war und seitdem weiß ich, daß er durch vom Mondlicht beleuchtete Eiskristalle entsteht und auf Frost hinweist. Und tatsächlich: heute Morgen waren der Garten und die Dächer mit Rauhreif überzogen. Als ich endlich rausgefunden hatte, wie ich mit meiner Kamera Nachtaufnahmen machen kann, war der Halo leider schon ziemlich schwach geworden, siehe oben.

Ich habe gestern übrigens einen zauberhaften Tag gehabt. Ich hatte nach langer Zeit mal wieder den Wetterbericht im Internet angeschaut, der weiterhin dauergrauen Himmel vorhersagte wie die letzten Monate. Aber als ich auf dem Kieler Blüchermarkt war, fing es an aufzuklaren. Der freundliche Mann am Gemüsestand sagte: „Meeno kann sich nicht entscheiden, ob es so bleibt oder ob es kalt wird.“ (Meeno Schrader ist der Wetterpapst des Nordens; alle hören auf ihn und er ist zugegebenermaßen wesentlich zuverlässiger als das, was sonst an Vorhersagen angeboten wird). Beim Bäcker lobte ich die Verkäuferin, die mir ohne mit der Wimper zu zucken Croissant und Brötchen über die Theke reichte, damit ich sie in meinen Stoffbeutel stecken konnte. Ich hatte nämlich schon mit Kolleginnen von ihr zu tun, die sich „aus hygienischen Gründen“ weigerten, obwohl es überhaupt keine Berührung zwischen uns gegeben hätte. „Ich finde das gut“, erwiderte sie trocken.

Das wurde getoppt, als ich Katzenfutter kaufte. Die Frau an der Kasse sagte: „Ich gebe dir 20 Prozent.“ Ich fragte, wie ich zu der Ehre käme. „Du bist immer nett und freundlich“ , erwiderte sie. „Ja, aber das seid ihr doch auch immer“, meinte ich darauf. Und dann erzählte sie mir, wie garstig manche Kunden seien und daß die Coronazeit das noch schlimmer gemacht hätte. „Aber ich finde, gerade jetzt müssen wir lieb miteinander umgehen“, sagte ich und dann erzählte sie mir von einer Freundin, die als Ungeimpfte ganz viel Stress bei der Arbeit hätte und noch einige andere sehr persönliche Sachen. Ich muss dazu sagen, daß meine bisherigen Gespräche mit dieser Frau bisher nie über Smalltalk hinausgingen. Ich ging ganz erfreut zu meinem Auto und mittlerweile schien draußen die Sonne.

Schließlich ging ich in den Lampenladen, wo ich vor einem Jahr eine neue LED-Birne gekauft hatte, nachdem die alte nach nur einem Jahr den Geist aufgegeben hatte. Jetzt ist wieder ein Jahr vorbei und auch diese Birne verhält sich unkooperativ und flackert ständig. Diese Birnen sind ziemlich teuer und sollen laut Hersteller jahrelang halten und besonders nachhaltig sein. Der Besitzer des Ladens meinte, es läge vielleicht am Kontakt und zeigte mir, wie ich ihn mit einem Phasenprüfer in der Lampenfassung ein bisschen hochbiegen könnte. Er sagte dann auch, daß die Versprechungen der Hersteller nicht allzu ernst genommen werden könnten, aber ein Jahr fand er auch zu kurz. Zuhause bin ich seinem Rat gefolgt und das Licht flackerte weiter. LED bringt’s offensichtlich nicht.

Heute habe ich ein interessantes Zeitkonzept kennengelernt. Die Anthropologin Deborah Bird Rose, ursprünglich US-Amerikanerin, die lange in Australien gelehrt und mit Aborigines gelebt hat, beschreibt es in ihrem Buch Reports from a Wild Country – ethics for decolonisation: während wir im Westen die Vergangenheit hinter uns sehen und die Zukunft vor uns, war es bei den Aborigines genau anders herum: die Erde war als erste da, dann kam das Träumen und die Ahn*innen. Die gehen uns voraus und wir folgen ihnen. Eine spannende Vorstellung, die die im Westen weit verbreitete Vorstellung einer Bewegung auf einer Zeitschiene Richtung Fortschritt („alles wird immer besser“) umkehrt. Nun, wir sehen ja, daß eben nicht immer besser wird, im Gegenteil. Wobei: das Wort Forschritt finde ich schon ganz passend, denn wir bewegen uns ja tatsächlich kontinuierlich fort, weg vom Ursprung, weg von der Natur – die Story of Separation eben.

Gestern habe ich gelesen, daß 40 von Elon Musks Satelliten wegen eines Sonnensturms im Orbit verglühen. Ich gebe zu, daß mich das sehr gefreut hat. Könnte es sein, daß die Sonne denen hilft, die noch einen schönen Sternenhimmel sehen wollen statt Zehntausende Satelliten für schnelles Internet und lückenlose Überwachung der Menschheit? Danke, liebe Sonne und mach bitte so weiter!

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