Während ich im Garten das Erdbeerbeet durchhackte, sprach mich meine Nachbarin an: „Na, du nimmst das mit dem Tag der Arbeit wohl genau.“ Es ist schon lustig, wie aus Walpurgis, dem alten Vollmondfest im Sternzeichen Stier, der Tag der Arbeit wurde. Gestern bekam ich von einer Frau in meinem Stammcafé – wir sind vor einiger Zeit ins Gespräch gekommen und haben viele Gemeinsamkeiten entdeckt – die Einladung des BSW zur Maikundgebung. Vor langer Zeit bin ich jeden 1. Mai, wenn ich keinen Dienst hatte, zu einer Kundgebung gegangen. Durch die spirituelle Frauenbewegung lernte ich die Jahreskreisfeste kennen und feiere seitdem stattdessen Walpurgis. Dieses Jahr feiern wir erst in zwei Tagen, weil es für uns am besten passt.

Walrettung
Da ich seit der C-Zeit keine Nachrichten mehr höre und kaum Tageszeitung lese, hat mich das Drama um den Buckelwal Timmy bis vor zwei Tagen nur gestreift. Vor zwei Wochen erzählte unser Französischlehrer, daß diese Geschichte mittlerweile auch bei seiner Familie an der Côte d’Azur angekommen ist. Seit gestern verfolge auch ich sie im Internet.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll: das strandet ein Walbulle vor vielen Wochen an der deutschen Ostseeküste und wird mittlerweile in einer ungeheuer aufwendigen Aktion mit einer Schute in den Atlantik gebracht. Man will ihn auf diese Weise retten. Ob das gelingen kann, ist fraglich. Etliche Walforscher haben erhebliche Bedenken geäußert. Einige meinen, der Wal sei gestrandet, um im seichten Wasser in Ruhe zu sterben. Diese Rettungsaktion setze ihn großem Stress aus. Wenn ich mir die Videos ansehe und die Menge an Menschen, die ständig um das Tier herum sind, glaube ich das auch. Ich bin überhaupt keine Walexpertin, aber irgendetwas scheint mir nicht richtig an dem ganzen Geschehen.
Jens Berger hat auf den Nachdenkseiten einen ziemlich sarkastischen Essay über diese Geschichte geschrieben, Zitat: „Nun habe ich nichts gegen besagten Wal und würde mich auch als Tierfreund bezeichnen; aber warum das Schicksal eines sterbenden Wals uns so viel mehr berührt als das Schicksal des ehemals süßen Ferkels auf unserem Mettbrötchen, wundert mich dann doch.“
Es ist diese seltsame Verhältnis sehr vieler Menschen nicht nur zu Tieren, sondern zum Tod. Es darf einfach nicht gestorben werden. 1972 nach dem Abi machte ich ein zweimonatiges Pflegepraktikum auf einer chirurgischen Station in einem Krankenhaus in Hannover. Einer der Patienten starb in Folge einer Krebserkrankung. Die Krankenpflegehelferin und ich hatte die Aufgabe, den Toten zu waschen, ihm ein frisches Nachthemd anzuziehen und ihn ordentlich mit zusammengelegten Händen zu betten. Dann wurde er abgeholt und in den Keller gebracht. Wenige Jahre später veränderte sich der Umgang mit dem Tod: als Krankenpflegeschülerin, wurde ich im Nachtdienst zum Aushelfen auf die internistische Männerstation geschickt. Dort lag ein alter Mann im Sterben. Der hinzugerufene Arzt spritzte ihm Adrenalin. Das putschte den Herzschlag des Sterbenden noch mal hoch. Gestorben ist er dann trotzdem. Solche Geschichten habe ich anschließend öfter erlebt. Da wurde auf Teufel komm raus reanimiert, zunächst noch per Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung, später kamen die Maschinen. Der Defibrillator war immer in Reichweite. Ich habe erlebt, wie das Herz einer Frau, die sich in der Dusche erhängt hatte, wieder zum Schlagen gebracht wurde (sie hat allerdings nie wieder das Bewusstsein erlangt und ist nach sechswöchigem Koma doch noch gestorben) und eine Frau, die Reanimation in ihrer uns vorliegenden Patientenverfügung ausdrücklich ausgeschlossen hatte, starb infolge einer Lungenembolie und wurde danach zwei Stunden lang vergeblich reanimiert. Warum ist es so schwer, Lebewesen gehen zu lassen? Wie ist es dazu gekommen, daß der Tod nicht mehr akzeptiert wird?
Ich habe während meiner Zeit in linken Gruppen mit Menschen zu tun gehabt, die sich als Materialisten bezeichneten. Bei ihnen scheint die Angst vor Krankheit und Sterben besonders verbreitet zu sein. Das ist verständlich: wenn ich nur an Materie glaube, dann muss der Tod tatsächlich eine Bedrohung sein. Ich kenne aber auch Menschen, die sich als spirituell bezeichnen und ebenfalls große Angst vorm Sterben haben. Ich bin von Reinkarnation überzeugt, ohne mir konkrete Vorstellungen darüber zu machen. Ebenso bin ich überzeugt, daß wir hier sind, um eine selbstgewählte Aufgabe zu erfüllen. Welche das ist, erschließt sich vielleicht erst im Lauf des Lebens. Vielleicht muss man Angst vorm Tod haben, wenn man das mehr oder minder klare Gefühl hat, daß man in seinem Leben nicht das gemacht hat, wofür man hier ist? Zugegeben, das sind nur Spekulationen.
Zurück zum armen Timmy: Ich kann ihm nur wünschen, daß er nicht leidet und es so für ihn ausgeht, wie er sich das wünscht: Wenn er sterben will, dann möge er in Frieden sterben. Und wenn er leben will, dann möge er leben.


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