Für die Toten sprechen

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Selenter See

Donna Haraway entwirft im letzten Kapitel von Unruhig bleiben ein Science fiction-Szenario, das sich mit dem Leben auf einer beschädigten Planetin befasst. Interessante Gedanken über artenübergreifendes Leben und Sterben (sie benutzt stimmigerweise immer diese beiden Begriffe zusammen). Arten sind unwiderruflich durch die Handlungen der Menschen verschwunden und es braucht die Sprecher*innen für die Toten, die dafür sorgen, daß sie weiterhin präsent sind. Sie greift dabei auf mexikanische Traditionen am Día de los muertes zurück.

Sie bezieht sich auch auf ein Lied von Starhawk:

„Erhebe deine Stimme.
Schreie. Kreische. Klage.
Wehklage und trauere
über die Zerstückelung der Welt.“

In unserer Kultur mag das Jammern verbreitet sein, ganz sicher auch das Sich-Beklagen. Aber das wirkliche Klagen über diejenigen, die gegangen sind, gehört nicht dazu. Das bedeutet in letzter Konsequenz, daß die Toten, ob Menschen, andere Tiere und verschwundene Arten, nicht mehr in unserem Wahrnehmungsfeld vorkommen und vergessen werden. Klagen ist ein aktiver Akt, notwendig, um die  Gegangenen in lebendiger Erinnerung zu behalten und damit sich Heilung ereignen kann.

Im arabischen Raum gibt es die Kultur der Klageweiber, die genau diese Funktion haben. In der arabischen Astronomie wird der erste Deichselstern des Großen Wagens Benetnash (d. i. Klageweiber) genannt, was ihre Wichtigkeit unterstreicht.

Ich fühle mich als Sprecherin für die als Hexen verbrannten Menschen, und was für die Mexikaner der Día de los muertes, ist für mich Allerheiligen.

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