Was mich stört…

… ist die systematische Angstmacherei im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Wie ich bereits gesagt habe: ich weiß nicht, was richtig ist, ob das Virus aus einem Labor in Wuhan oder woanders her stammt, ob die Maßnahmen zur Verhinderung von Ansteckung wie Social Distancing und Mund-Nasen-Bedeckung wirklich die Bringer sind. Aber ich weiß sicher, daß der Umgang mit dieser Infektion von Angst bestimmt ist. Angst vor Folgekrankheiten, Angst vor dem Tod. Mir scheint, Angst ist auch ohne Corona das bestimmende Gefühl in unserer Kultur. Der ganze Kapitalismus funktioniert über Angst: der Angst vor Mangel, vor Verlust. Diese Angst ist in meinen Augen ein Entwurzelungssymptom. Seit Menschen sich als getrennt von der Natur begreifen, wächst diese Angst wie eine unaufhaltsame Krankheit. Ich behaupte nicht, daß die Herrschenden bewusst damit arbeiten, denn auch sie funktionieren mit dieser gewohnheitsmäßigen Angstkonditionierung. So kommt es, daß plötzlich Sicherheit das Allerwichtigste im Leben ist. Aber es gibt keine Sicherheit, jedenfalls nicht die, die wir uns vielleicht erhoffen. Ich vermute, die einzige garantierte Sicherheit ist, daß wir irgendwann sterben müssen.

Wenn wie am Wochenende in Berlin Menschen auf die Straße gehen und für die Wiederherstellung unserer Grundrechte demonstrieren, kann ich das verstehen. Da gibt es eine andere Angst, nämlich die vor dauerhafter Einschränkung. Es war ja schon bedrohlich mitzubekommen, wie im Handstreich die ganzen Restriktionen eingeführt wurden. Ich persönlich würde mich nicht wohlfühlen, wenn ich zusammen mit Rechten auf der Straße wäre. Dennoch finde ich es nicht richtig, wenn z. B. Luisa Francia in ihrem Blog den Demonstrierenden „Schämt euch!“ zuruft, weil auch Rechte auf der Demo waren. Dahinter steht der Gedanke: wir sind die Guten, die Rechten sind die Schlechten. Und das ist Kriegsmentalität. Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie mit dem zunehmenden Rechtsdrall in unserem Land umzugehen ist. Aber ich weiß eines sicher: sie zu ignorieren, bloßzustellen, schlecht zu machen statt mit ihnen zu reden, macht die Situation nicht besser. Ich glaube, das Abdriften in rechte Vorstellungen ist die Antwort auf die immer klarer zutage tretenden Abscheulichkeiten des neoliberalen globalen Wirtschaftssystem und die Totalunterwerfung der Regierungen unter dessen Diktat.

Wer mal etwas anderes als die geistigen Monokulturen zum Thema Corona sehen möchte, dem lege ich dieses Video von Gunnar Kaiser, Schriftsteller und Philosoph ans Herz: https://www.youtube.com/watch?v=aCSJKC9PtTw

Ich finde es übrigens immer noch gut, wie die Schweden mit dem Virus umgehen, weil sie auf die Selbstverantwortung der Bürger setzen. Die deutsche Regierung hingegen verhält sich wie Helikoptereltern. Redet nicht von mündigen Bürger*innen, die wir angeblich sind, sondern lasst uns selbst entscheiden, wie wir mit dem Infektionsrisiko umgehen! Ich werde keiner Person körperlich nahekommen, die Angst vor Ansteckung hat, aber auf Umarmungen und anderen Körperkontakt verzichte ich nicht. Ich lebe jetzt und mir ist Lebendigsein viel viel wichtiger als eine Sicherheit, die es so gar nicht gibt. Auch wenn das vielleicht paradox erscheint: Lebendigsein und Tod gehören zusammen. Und ich kann nichts Schlimmes daran sehen. Schlimm aber finde ich es, wenn alte Menschen allein sterben müssen oder in ihren letzten Lebensmonaten keinen Besuch und keine Umarumungen mehr von ihren Angehörigen bekommen. Meine sehr alte Mutter hat jedenfalls keine Angst vor Corona und freut sich, wenn sie Besuch von meinem Bruder, seiner Frau, meinen Kindern und mir bekommt.

Nachdem ich mein Missfallen über Luisas Post geäußert habe, möchte ich an dieser Stelle hervorheben, was mir gefällt: ihr Bild von den Viren als den kleinen Völkern, mit denen wir lernen sollten zu kommunizieren (www.salamandra.de, 1.8.2020). Und ich kann nicht oft genug betonen, daß Viren und Bakterien eine enorm große Rolle in der Evolution spielen und wir ohne sie gar nicht da wären.

Ein Kommentar zu „Was mich stört…

  1. Sehr gut beschrieben.
    Es ist mir eine Freude hier zu lesen. Ich komme gern immer wieder hierher zurück. Es ist so ursprünglich.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Line
    (PS: Ich war am 1. August auf der Demo und nein, ich bin weder rechts noch AFD-Wählerin, im Gegenteil. Ich bin neugierig und freiheitsliebend und wollte es mir ansehen.)

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