Ein Kavalier

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Gestern fuhr ich zum Landhandel in Lütjenburg, um eine leere Propangasflasche zu tauschen. Dort erfuhr ich, daß erst heute wieder neues Gas geliefert wird. Etwas schlecht gelaunt, weil ich die 12 km vergeblich gefahren war, machte ich mich auf den Heimweg. Ich überlegte, ob ich die Gasflasche an der Tankstelle tauschen sollte. Andrerseits sehe ich nicht ein, daß ich dann 3 Euro mehr für die gleiche Menge bezahlen sollte.

Im Vorbeifahren sah ich, daß der Supermarkt Famila im Hinterhof Gasflaschen stehen hatte. Ich tauschte also meine Flasche und ging mit der vollen zu meinem Auto. Als ich die Kofferraumtür geöffnet hatte, schoss ein Mann an mir vorbei und hievte blitzschnell die Flasche in mein Auto. Ich war so überrascht, daß ich ohne vorher nachzudenken sagte: „Na, Sie sind ja ein richtiger Kavalier.“ Eigentlich gehört dieses Wort nicht in meinen Wortschatz. „Aber nur, weil ich gerade in der Nähe war“, gab er bescheiden zurück. „Vielen herzlichen Dank!“ konnte ich noch sagen, bevor er mir den Griff des Einkaufswagen aus der Hand nahm und ihn wegschob.

Ich glaube, ich habe auf dem ganzen Heimweg vor mich hingegrinst, so sehr hat mich diese kleine Begebenheit gefreut. Diese Gasflaschen wiegen 13 kg und sind damit ziemlich schwer. Ich kann sie heben und von meinem Auto hinter das Haus tragen, wo sie dann in ein kleines Schränkchen kommen. Aber es ist natürlich schön, wenn einer, der kräftiger ist als ich, das mal für mich übernimmt. Und es war eben auch einfach diese Geste der Hilfbereitschaft, die mir soviel Freude gemacht hat.

Als ich die Flasche in das Schränkchen stellen wollte, nahm ich einen deutlichen Gasgeruch wahr und als ich meine Nase hineinsteckte, hörte ich auch ein leises Zischen, das von der Gasflasche kam, die ich gestern neu angeschlossen hatte. Offensichtlich hatte ich den Gummischlauch nicht fest genug auf das Gewinde gedreht. Da habe ich also ein zweites Mal Glück gehabt: Wäre ich erst heute nach Lütjenburg gefahren, hätte weiter viel Gas ausströmen können und die Flasche wäre vorzeitig leer gewesen.

Ich mache oft die Erfahrung, daß wir Menschen eigentlich gute Leute sind und daß Mitgefühl zu unserer Grundausstattung gehört. Beim Regierungspersonal und bei extrem Reichen habe ich allerdings diesbezüglich meine Zweifel. Empathie scheint bei vielen in dem Maße abzunehmen, in dem er oder sie aufsteigt. Das kann man gerade jetzt beim politischen Adel sehr deutlich sehen. Aber vielleicht ist es ja auch umgekehrt: Empathielosigkeit könnte auch eine Voraussetzung für solche Berufe sein.

Besuch aus dem Rheinland

Mein Sohn hatte beruflich im Norden zu tun und nutzte die Gelegenheit, mit seiner Freundin für ein paar Tage vorbeizuschauen. Hier ist es weiterhin sehr kalt und wir verbrachten viel Zeit am warmen Ofen, aßen leckere Sachen und machten es uns gemütlich. Am Abend sahen wir den Tatort Murot und der Elefant im Raum. Eigentlich habe ich schon lange keine Freude mehr am Tatort, aber dieser war sehr ungewöhnlich und gut gemacht. Das lag daran, daß er aus der Feder von Dietrich Brüggemann stammt. Vor einigen Jahren habe ich sein Buch Materialermüdung gelesen, sehr intelligent und spannend. Er hat auch am Beginn der C-Zeit die Aktion #allesdichtmachen initiiert. Während viele seiner Künstlerkollegen, kurz nachdem der Shitstorm über sie hereinbrach, ihre Beiträge wieder zurückgezogen haben, hat er Standfestigkeit bewiesen. Allein dafür hat er Beifall verdient.


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