Das ideale Verhältnis der Geschlechter

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Ein Beitrag meines Imkerfreundes HU:

Im natürlichen Bienenvolk gibt es etwa 3 % Drohnen. Die Evolution hat dieses Verhältnis über Jahrmillionen austariert; mit diesem Prozentsatz ist das Überleben des Volkes offensichtlich am besten gewährleistet. Offensichtlich deshalb, weil die Evolution ein paar Millionen Jahre herumprobiert hat und dabei ganz sicher auch das Geschlechterverhältnis optimiert wurde.

Der Imker weiß es natürlich besser: Wie der Hühnereierproduzent seine männlichen Küken vergast, weil er herausgefunden hat, dass Hähne keine Eier legen, so gibt der Imker seinen Bienen vorgefertigte Mittelwände in den Stock. Die Zellgröße ist durch die vorgeprägte Mittelwand festgelegt, ähnlich wie die Größe des Fundaments den Grundriss eines Hauses vorgibt. Kein Maurer käme auf die Idee, davon abzuweichen und die Wände des Neubaus über das Fundament hinauszubauen.

Die Bienenkönigin misst den Durchmesser der fertigen Zelle und entscheidet dann, ob sie ein befruchtetes oder ein unbefruchtetes Ei hineinlegt. Entsprechend schlüpfen die Drohnen oder ihre Schwestern. Bei einem Wabenbau auf einer fertigen Mittelwand ist diese Entscheidung allerdings immer gleichlautend: weiblich!

Der Imker und der Hühnereierproduzent freuen sich gleichermaßen, denn beide erzielen durch ihre Geschlechterselektion zunächst einen Mehrertrag: Bei den Bienen gilt: 3 % weniger nutzlose Esser plus der Pflegeaufwand für die Nutzlosen gleich 5 % mehr Ertrag. So einfach.

Mich irritiert allerdings, dass nur etwa ein Prozent aller Imker von den Bienen leben kann. Der Rest sind Hobbyimker, die angeblich kein ökonomisches Interesse haben – wobei sich die Imkerzeitschriften und Imkerforen im Netz nicht unwesentlich um den Ertrag drehen. Aber auch die Hobbyimker betreiben, des schnöden Mehrertrages wegen, Geschlechterselektion oder, moderner formuliert: mortalen Sexismus. Das ist zwar unmoralisch und wahrscheinlich auch freudlos, aber wenigstens ökonomisch sinnvoll gedacht.

Nun kommt der Haken – wie immer, wenn der Mensch es besser weiß als die Natur: Zur Bekämpfung der Varroa hängt der Imker ein leeres Rähmchen in den Fertigbau und gibt den Bienen erstmals Gestaltungsfreiheit. Wundert sich eigentlich niemand darüber, warum die Bienen diese Freiheit ausschließlich dazu nutzen, Drohnen aufzuziehen?

Die Bienen kehren ja nicht etwa zu ihren 3 % Drohnenbau zurück, sondern betreiben einen 100%igen Drohnenbau. Offensichtlich sind sie bestrebt, das evolutionär optimale Verhältnis wiederherzustellen; die Herren fehlen ihnen!

Der Imker gönnt es den Damen aber nicht, sondern verfährt mit der Drohnenbrut ähnlich wie der Hühnereierproduzent: Der Imker neidet den Herren ihren suizidalen Sex und bringt sie alle vorsorglich um, bevor es dazu kommt. Zu früh gefreut meine Herren!

Neben dem offensichtlichen Lebenszweck der Drohne – vom Lebenssinn mag ich hier nicht sprechen; die Spekulationen hierzu füllen ganze, speziell theologische, Bibliotheken, ohne jedoch eine klare Antwort geben zu können – gibt es mindestens noch zwei wichtige Gründe:

Erstens: Die Varroen lassen sich besonders gern auf Drohnen nieder. Die aber werden ohnehin hinausgeworfen; sollen sie die Parasiten doch gleich mitnehmen, diese Helden, die sich für die Damen aufopfern! Erstaunlich ist, dass sich dieser Lebenszweck erst seit ein paar Jahrzehnten offenbart, denn solange hat Apis mellifera noch keinen Kontakt mit der bösen Milbe.

Und genau darin liegt doch die eigentliche Pointe: Die Drohnen waren schon Millionen Jahre lang da, bevor die Varroa überhaupt zum Problem der europäischen Honigbiene wurde. Die Bienen hatten also gewissermaßen die Lösung bereits parat, lange bevor die passende Frage gestellt war. Die Varroa musste nur noch auftauchen, damit wir nachträglich erkennen konnten, wofür die Drohnen offenbar schon immer gut gewesen sein sollen. Wer gläubig ist, mag göttliche Fügung als Erklärung heranziehen. Die Männer haben das Nachsehen. * Siehe Anmerkung.

Zweitens: Die jungfräuliche Königin ist auf ihrem Hochzeitsflug gefährdet – nicht nur durch Autofahrer, sondern auch Navigationsfehler oder plötzlich einsetzendes schlechtes Wetter können ihr den Garaus machen. Hiergegen hilft, dass die Bienen mehrere Prinzessinnen heranziehen.

Die größte Gefahr geht jedoch von insektenfressenden Vögeln aus. Wird die Jungfrau hingegen vom männlichen Geschlecht zahlreich umschwärmt, ist die Chance groß, dass einer der Männer sein Leben lässt und die Königin lebend – allerdings mit dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit – davonkommt. Je mehr Männer die Dame umschwirren, desto sicherer ist sie vor ihren Feinden. Die Männer haben wieder einmal das Nachsehen.

Der klassische Imker sieht sich auch gern als Bienenzüchter. Abendfüllende Diskussionen am Imkerstammtisch – sei er real oder im Netz ausgetragen – drehen sich um das Thema „Rasse“. Bei Nutztieren gibt es sie noch, bei Menschen hingegen ist sie verpönt. Wir halten uns eben für etwas Besseres.

Seit der Steinzeit züchtet der Mensch am Wolf herum. Was ist dabei herausgekommen? Hüftleiden, Atemnot und grenzenlose Dummheit.

Bei vielen Bienenzüchtern hat sich noch nicht herumgesprochen, dass bei der Selektion nach einem eng begrenzten Anforderungskatalog erwünschter Eigenschaften zwangsläufig andere Eigenschaften leiden und sich konsequenterweise auch Inzucht einstellt. Darunter leidet die Überlebensfähigkeit in freier Wildbahn. Man stelle sich einen Mops allein im Wald vor.

Nur die Promenadenmischung ist stark. Nur die Drohnen, die weit fliegen und vielleicht vom Wind weit entfernt ihr Glück finden, sorgen für den genetischen Austausch im größeren Rahmen. Dafür hat die Natur den Sex erfunden.

Sonst würde es ja reichen, wenn einige wenige Prinzen gleich im Stock ihre Schwestern oder Halbschwestern schwängern würden. Wenn die Natur das wollte, käme sie mit wenigen, flügellosen und blinden Männchen aus. Sie will das nicht. Daher muss es so viele Drohnen geben.

Ich bin auf ein reines Jungengymnasium gegangen. Als wir begannen, uns für Mädchen zu interessieren, mussten wir erhebliche Umwege zum Mädchengymnasium und langweilige, hochnotpeinliche Tanzkurse auf uns nehmen, um der Damenwelt wenigstens ansichtig zu werden.

Dabei ist eines ganz sicher: Der Zeitaufwand hierfür war allemal größer als der vermeintliche Zeitverlust durch die potenzielle Ablenkung durch das andere Geschlecht im koedukativen Unterricht. Wir waren dadurch im Lateinunterricht ja nicht aufmerksamer. Zumindest mein Notenspiegel lässt nicht unmittelbar auf einen Erfolg dieser zwangspädagogischen Maßnahme schließen.

Beim Menschen beträgt das Geschlechterverhältnis 1 : 1. Wenn man künstlich davon abweicht, etwa in der Schule, im Kloster, beim Militär oder beim IS, dann gibt es Probleme. Warum sollte es bei den Bienen anders sein?

Anmerkung

Der Gedanke ist bestechend: Die Lösung ist schon da, bevor das Problem überhaupt existiert.

Man fragt sich ja auch heute noch, warum der Gummibaum überhaupt Latex herstellt. Die üblichen Antworten der Biologen lauten dann: Schutz vor Parasiten, Wundheilung etc.

Der schönste und wichtigste Grund ist aber, dass wir Menschen mit dem Latex so tolle Produkte wie Radialreifen, Teppichunterseiten oder Verhütungsmittel herstellen können. Denn nur der Nutzen für den Menschen wird diesen Baum vor der Ausrottung bewahren. Was keinen Nutzen bringt, rottet der Mensch über kurz oder lang aus.

Somit hat der Gummibaum ein Interesse daran, Latex hervorzubringen – quasi als Schutzgeld. Das beantwortet die Frage nach dem Warum besser als jede biologische Argumentation!

Und auch hier liegt die Pointe darin, dass die Lösung lange vor dem Problem existierte: Der Gummibaum produziert seit Millionen von Jahren Latex, aber erst seit knapp 200 Jahren haben wir Menschen überhaupt einen nennenswerten Nutzen dafür gefunden. Der Baum hat also das vermeintliche Schutzgeld schon entrichtet, lange bevor der Mensch überhaupt auf die Idee kam, es einzufordern.

Damit gelang es dem Gummibaum, seine Heimat, den tropischen Regenwald Südamerikas, zu verlassen und auf anderen Kontinenten, speziell in Asien, heimisch zu werden. Der Mensch hat den Nutzen entdeckt – und damit, ganz nebenbei, auch einen Grund gefunden, den Baum zu schützen und zu verbreiten.

Alle anderen Bäume in den kümmerlichen Resten des südamerikanischen Regenwaldes sind bedrohter als der Gummibaum. Der Bolsonaro-Clan grüßt schon wieder.

Das erinnert doch fatal an unsere Honigbiene: Erst der Mensch brachte sie über die Alpen, und der Mensch schützt sie, weil er des Honigs habhaft werden möchte. Und die Varroa geht auf die Drohnen, die somit einen weiteren Lebenszweck gefunden haben.

Auch hier war die vermeintliche Lösung längst vorhanden, bevor das Problem überhaupt auftauchte. Die Drohnen gab es schon Millionen Jahre vor der Varroa. Die Natur hatte also gewissermaßen vorgesorgt, obwohl die Varroa noch gar nicht bei uns existierte.

Manchmal frage ich mich, wer das Ganze eigentlich programmiert.


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