Anarchie

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Kürzlich habe ich ein Gespräch zwischen Bastian Barucker und Sylvie-Sophie Schindler gehört und war sehr davon angetan. Ich habe mir daraufhin ihr Buch Anarchie – jetzt oder nie! gekauft und kann es nur mit ganzem Herzen jedem freiheitsliebenden Menschen empfehlen. Die Autorin ist Philosophin, Pädagogin und Journalistin. Sie schreibt sehr wortgewaltig, bringt unsere Situation als Bürger nicht nur der BRD klar auf den Punkt und ebenso was sich daraus ergibt. Ihr Stil ist alles andere als sanft oder vorsichtig – mir fällt dazu ein Ausdruck meiner Tochter ein, den sie gern benutzt: „voll auf die Fresse“. Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen und kann fast jedem ihrer Sätze voll und ganz zustimmen. Sie plädiert für den Anarchismus, also das herrschaftsfreie Zusammenleben der Menschen. Daß Regierungen, egal aus welchen Parteien sie zusammengesetzt sind, es nicht bringen, müsste eigentich mittlerweile wohl jedem klar sein. Auch daß sie keinesfalls dazu da sind, ihren Bürgern ein gutes Leben zu schaffen. Überhaupt habe ich ein großes Problem mit dem Wort Demokratie: es wird ja immer gern mit Volksherrschaft übersetzt und die alten Griechen als ihre Erfinder bezeichnet. So habe ich es jedenfalls im Geschichtsunterreicht gelernt. Aber das griechische demos waren nur die freien Männer, nicht aber die Frauen und Sklaven. Und außerdem: warum soll überhaupt jemand herrschen? Ja, ich kenne die ganzen Argumente für Herrschaft (weil sich die Menschen sonst gegenseitig umbringen würden usw.) und kann kein einziges akzeptieren. Ich führe das jetzt nicht weiter aus, das macht Frau Schindler in ihrem Buch viel eloquenter als ich.

Als ich etwa siebzehn war, zog mich die Idee des Anarchismus magisch an. Nicht, daß ich viel Hintergrundwissen hatte, aber irgendwas sprach mich sehr an. Ich färbte dann eine Zeitlang zum Leidwesen meiner Mutter meine Klamotten, weil ich gehört hatte, daß Anarchisten Schwarz tragen. Diese Gewohnheit habe ich viel später wieder aufgegriffen und auch heute ist immer noch ein Teil meiner Kleidung schwarz. Wenig später landete ich dann aber erst mal bei einer Satellitenorganisation der neugegründeten KPD, der Liga gegen den Imperialismus. Das war eine maoistische Gruppierung, die sich strikt von der sowjetischen Version des Sozialismus abgrenzte. Ich wurde Mitglied des Vorstands der Regionalgruppe Münster und erlebte ein äußerst autoritäres und stark bevormundendes Verhalten meiner Mitvorstandsgenossen. Nur ein Beispiel: mein damaliger Mann und ich beschlossen in unserem verliebten Überschwang ein Kind zu bekommen und ich wurde sehr schnell schwanger. Als ich das den Genossen mitteilte, wurde ich streng gerügt, weil ich dieses Vorhaben hätte „politisch diskutieren“ müssen. Ich wurde zur Strafe vom Vorstand suspendiert. Zwar hatte ich keinerlei Unrechtsbewusstsein, aber ich blieb in dieser im Rückblick doch recht menschenunfreundlichen Organisation und war mit meinem schwangeren Bauch auch gut genug, um Geld für eine Frauenklinik in Nordvietnam, in dem damals noch die US-Amerikaner Krieg führten, zu sammeln. Im Rückblick frage ich mich, warum ich nicht gesagt habe: „Ihr könnt euren Scheiß von nun an ohne mich machen.“ Vielleicht ist eine Erklärung, daß ich ziemlich allein da stand, als Frau, als Schwangere, als Berufstätige – die anderen waren alle Studenten. Ich wollte dazu gehören und ich fühlte mich der Sache verpflichtet, also der Weltrevolution, nach der alles besser werden würde.

Nun, die Weltrevolution hat sich nicht ereignet, die bessere Welt auch nicht – im Gegenteil. Ich machte dann später einen kurzen Abstecher zur Marxistischen Gruppe in Bochum, wohin mein damaliger Mann und ich mehrmals im Monat fuhren. Dort saßen dann viele Männer und ein paar Frauen und redeten über Dinge, die ich alle todlangweilig fand und es herrschte eine Atmosphäre von intellektueller Kälte. Gefühle gehörten da nicht hin. Mir ist übrigens bei allen linken Gruppen aufgefallen, die ich damals kennengelernt habe, daß sie stark männerdominiert waren. Frauen gab es zwar auch, aber die machten dann eben die notwendige Arbeit, während die Männer diskutierten und uns die Welt erklärten. Das war bereits 1968 einigen im SDS tätigen Frauen unangenehm aufgefallen und sie forderten auf einem Flugblatt: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen.“

Nach der Trennung von meinen ersten Mann war ich auch fertig mit linken und anderen Gruppen. Das war Anfang der 80er Jahre und dann gab es die spirituelle Frauenbewegung. Da fühlte ich mich eher zu Hause und in dieser Zeit kam ich auch mehr und mehr zu mir selbst. Ja und irgendwann gehörte auch der Anarchismus wieder dazu, also das Leben ohne Herrschaft, ohne Bevormundung. Wobei, wenn ich mich heute wieder als Anarchistin bezeichne, ist das auch nicht ganz richtig: jeder -ismus trägt ja schon wieder ein Konzept in sich und damit die Gefahr von Dogmatismus und Ausgrenzung von Andersdenkenden. Wahrscheinlich benutzt Sylvie-Sophie deshalb auch eher den Begriff Anarchie, was übersetzt „ohne Herrschaft“ heißt.

Noch mal zur Demokratie: die Gestaltung eines Gemeinwesens, das allen dient und keinem schadet, hat es in unserer eigenen Geschichte bereits gegeben, nur wird das selten erwähnt. Die germanischen Stämme hatten den Thing, die Zusammenkunft von Menschen eines Stammes, die Entscheidungen im Konsens trafen. Und viele andere indigene Gesellschaften kannten und kennen noch heute ähnliche Entscheidungsstrukturen. Manchmal wurden temporäre Führer gewählt. Wenn die Mist bauten, mussten sie aber auch wieder gehen. Sehr interessant in diesem Zusammenhang finde ich das Große Gesetz des Friedens der Irokesen, bei dem eine Gruppe alter Frauen das letzte Wort hatten.


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