Zur Zeit lese ich das Buch Becoming Animal von David Abram. Er schildert darin eine Begebenheit, die eine Reihe von Erinnerungen in mir geweckt hat: wie seine wenige Monate alte Tochter anfing das Haus zu erforschen und alles darin mit dem nur sehr kleinen Kindern eigenen Interesse untersucht hat, jeden Ziegelstein, die Holzbalken, einen bunten Fleck an der Wand. Eines Tages – seine Frau wollte mit der Kleinen zu ihren Eltern nach Europa fliegen – brachte er die beiden zum Flughafen. Als er in das leere Haus zurückkehrte, voll Vorfreude auf ein paar Tage, in denen er sich ungestört dem Schreiben widmen konnte, nahm er eine Störung wahr. Es schien, als starrten ihn die Wände, die Möbel, die Couch an. „Die Kleine ist weg“, murmelte er. Da war plötzlich eine sehr niedergeschlagene Stimmung im Haus. „Aber sie kommt bald zurück“, fügte er hinzu und sofort schien alles um ihn herum wieder hell zu werden. Als er dieses Erlebnis Freunden erzählte, nahmen sie ihn nicht ernst; sie taten dieses seltsame Erlebnis als Projektion ab. Wer kann es ihnen verdenken. In unserer Kultur haben wir vor langer Zeit solche Art von Wahrnehmungen ausgetrieben bekommen. Die alten Geschichten sind voll davon, aber das sind Märchen aus vergangenen, nicht aufgeklärten Zeiten. Wir leben im Zeitalter der Aufklärung, wir stehen über solchem Spökenkram.

Ich glaube David Abram jedes Wort. Ich habe Vergleichbares erlebt. Das war nicht immer so. Als Kind, ja, da habe ich Sachen gesehen oder gefühlt, die die Erwachsenen nicht gesehen oder gefühlt haben. Dann war das irgendwann vorbei. Während meiner Zeit bei den K-Gruppen waren außergewöhnliche Wahrnehmungen sowieso tabu. Man war schließlich Materialist und das Ganze war die Summe seiner Teile und sonst nix. Alles andere war geisteskrank. Mit Mitte Zwanzig kam ich mit den Büchern von Carlos Castaneda in Berührung. Beim Lesen wurde etwas tief in mir Vergrabenes berührt. Es gab damals unter den Ethnologen große Debatten darüber, ob Castanedas Erlebnisse mit seinem Lehrer Don Juan Matus echt waren. Das wusste ich natürlich auch nicht, aber trotzdem gab es da etwas, was mich nicht mehr losgelassen und etwas in Gang gebracht hat. Viel später, während meiner Reichschen Körpertherapie zeigte mir Jans, mein Therapeut, wie ich meine eigene Energie zwischen den Händen wahrnehmen konnte und wie ich die feine flimmernde Energielinie um meine Hand auf einem dunklen Untergrund sehen konnte. Von da an hatte ich immer mal wieder Wahrnehmungen, die unsere heutige Wissenschaft als Einbildung und Wahrnehmungsstörungen abtut.
Im August 1986 fuhren mein damaliger irischer Freund K. und ich nach Carnac in der Bretagne. Wir suchten das nahegelegene Alignement de Menec auf und legten uns auf einen riesigen umgestürzten Menhir. Plötzlich zuckte direkt über unseren Augen ein weiß leuchtener Blitz durch die Luft. Kein Donner, kein Gewitter, nur diese Lichterscheinung. „Did you see that?“ fragte K. verblüfft. Ja, wir hatten beide dasselbe gesehen. Ich habe nie nach einer Erklärung für dieses magische Erlebnis gesucht, es aber als kostbare Erinnerung in mir behalten. Vor wenigen Wochen stieß ich übrigens in dem schönen Buch Orte der Kraft von Stefan Brönnle auf eine mögliche Erklärung: nach Aussage des englischen Archäologen Paul Devereux sind Steinkreise in England oft auf geologischen Verwerfungszonen gebaut worden, auf denen Lichtphänomene auftreten können. Könnte doch sein, daß es Ähnliches bei den Alignements bei Carnac gibt. Ohnehin glaube ich, daß die Megalithbauer Dinge wussten, die wir nicht (mehr) wissen. Und übrigens: auch wenn das gern behauptet wird, waren sie weder Kelten noch Germanen, sie haben wesentlich früher in Europa gelebt und können vielleicht als Urbevölkerung bezeichnet werden.

Vor einiger Zeit schrieb ich hier, daß ich nicht gern Geheimnisse habe. Aber einmal ist mir klargeworden, daß ich etwas erzählt habe, was ich besser für mich behalten hätte: mein oben erwähnter Therapeut und Freund Jans hat kurz vor seinem Tod seiner Frau und mir versprochen, sich nach seinem Ableben bemerkbar zu machen. Er hat Wort gehalten und sich mir auf so unmissverständliche und eindrückliche Weise gezeigt, daß gar kein Zweifel möglich war. Was ich damals, ca. 15 Stunden nach seinem Tod erlebt habe, habe ich später drei Personen erzählt, die mir sehr nahestehen. Eine von ihnen hat mich dazu aufgefordert, den anderen habe ich es von mir aus erzählt. Nur eine hat reagiert und regelrecht abwehrend gesagt: „Ich bin nicht so“. Die anderen beiden haben gar nicht reagiert. Es war, als hätte ich nichts gesagt. Vielleicht haben sie mir nicht geglaubt und mein Erlebnis für Einbildung gehalten. Ich weiß es nicht. Wie auch immer: mir ist plötzlich klargeworden, daß es falsch war, diese Sache zu erzählen. Was ich damals in der Küche von Jans und seiner Frau erlebt habe, ist so kostbar für mich und wird es immer bleiben. Ich behalte es für mich und teile es mit niemandem mehr.
Ich habe keine Angst davor, für spinnert gehalten werden. Vor einigen Monaten wurde ich gefragt, was ich gegen die Schnecken in meinem Garten mache. Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Ich sammle sie ab, rede mit ihnen und bringe sie an einen anderen Ort.“ Der Frager kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein: „Mit den Schnecken reden, so ein Quatsch“. Das hat mich nicht überrascht und auch nicht gestört. Ich habe ihm ehrlich geantwortet und was er mit meiner Antwort macht, ist dann seine Sache. Aber einige wenige Sachen bleiben bei mir und gehen keinen etwas an.

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