Am letzten Wochenende war ich wieder in Flensburg. Es war sehr heiß. Am Samstag frühstückten wir auf dem Markt. Ich vertrage Hitze relativ gut, aber während ich unter dem Vordach des Löstruper Brot- und Käsestandes wartete, war es schon sehr heftig und die Frau, die mich schließlich bediente, sagte mir: „Es ist die Hölle hier drin.“
Nachmittags fuhren wir zum Strand nach Solitüde. Allerdings konnte dort von Solitüde (Einsamkeit) keine Rede sein. Die beiden Parkplätze waren besetzt und wir fanden schließlich in einem Wohngebiet einen Platz für das Auto. M. ging ins Wasser. Als er wieder zurückkam, sahen wir eine schwarze Wand über die Förde auf uns zukommen. Also packten wir wieder alles ein und gingen der Hitze zum Trotz so schnell wie möglich zum Auto. Mit uns wälzte sich eine große Menschenkarawane Richtung Parkplatz. Kurz vor unserem Ziel fing der Regen an und dann ging ein gewaltiges Gewitter nieder. Wir fanden im „Piratennest“, einem Biergarten an der Förde, einen halbwegs trockenen Platz. Ein Amselmännchen flüchtete sich unter einen der Tische ganz in der Nähe, um dem heftigen Regen zu entkommen.

An der Hafenspitze waren zwei Werbestände der Bundeswehr. Die in Tarnfleck gekleideten Soldaten saßen gelangweilt in der Hitze und warteten vergeblich auf Interessenten. Wir sind an dem Wochenende übrigens mehrmals daran vorbeigegangen und ich habe nie einen bei ihnen stehen gesehen. Irgendwie fand ich das beruhigend. Auf dem Vorplatz hatte jemand folgende Inschrift gezeichnet:

Mittlerweile ist die Hitze vorbei. Gestern fand das alljährlich vom Kieler Institut français organisierte Bouleturnier statt. Ich bin immer gern dabei, aber gestern fuhr ich vor der letzten Runde nach Hause. Es wehte ein eisiger Wind und meine Jacke reichte nicht aus, um mich einigermaßen warm zu halten. Glücklicherweise waren wir in unserer Mannschaft sowieso eine Person zuviel. Ich musste also kein schlechtes Gewissen haben, meine Mitspielerinnen im Stich gelassen zu haben.

Wieviel Persönliches sollte ich veröffentlichen?
Ich lese gerade das letzte Buch des 2022 verstorbenen Stephen Harrod Buhner, Earth Grief (gibt’s leider nicht auf deutsch). Gleich das erste Kapitel hat mich in seinen Bann gezogen: es geht darum, daß ein Hauptmerkmal unserer Kultur das Sich-Abspalten von Gefühlen ist. Stephen Buhner führt sehr anschaulich aus, wie sich das in der Sprache zeigt: das furchtbarste Leid, verursacht durch den Verlust der Arten, die Zerstörung der Landschaften, Kriege und Völkermorde usw. wird in der Regel in einer sehr distanzierten Sprache beschrieben. Das ist eine Form von Dissoziation, die sich oft bei stark traumatisierten Menschen findet. Sie mag eine Art von Schutz vor dem schier unerträglichen Schmerz sein, aber als eine in Fleisch und Blut übergegangene Gewohnheit führt sie zu immer mehr Leid.
Ich habe schon als Kind gelernt, meine schmerzvollen Gefühle zu verbergen, da ihr Ausdruck von meinen Eltern gemissbilligt und verhöhnt wurden („Man ist keine Heulsuse“). Vor langer Zeit tröstete ich eine weinende Kollegin, die gerade eine niederschmetternde Nachricht bekommen hatte. Der Psychologe unserer Station kam zu uns ins Dienstzimmer, baute sich vor uns auf und sagte streng: „Ihr müsst lernen, das Dienstliche und das Private zu trennen.“ Ohne nachzudenken haute ich ihm entgegen: „L., du bist ein Arschloch.“ Immerhin, mit dem Ausdruck von Wut hatte ich oft weniger Schwierigkeiten als mit dem Ausdruck von Traurigkeit.
Einige Male haben mich Menschen aus meinem Umfeld mit Befremden, auch Missbilligung gefragt, warum ich so persönliche Dinge in diesem Blog schreibe. Ja, Entschuldigung, was ist daran verwerflich? Nach Stephen Buhners Ausführungen ist es mir klarer geworden, was das Problem ist: es ist tatsächlich etwas, was in unserer westlichen Kultur völlig verpönt ist. Texte sollen nüchtern und „objektiv“ sein. Man macht sich in der Öffentlichkeit nicht nackt, und wenn doch, fühlt es sich peinlich an. Kleine Kinder sind da noch ungeniert, aber irgendwann werden dann Schichten von Erziehung darüber gelegt. Was dabei herauskommt, nennt man Charakter. Eine Übersetzung dieses griechischen Wortes heißt „das Erstarrte“. Und das ist es, was passiert: Menschen werden starr, büßen an Lebendigkeit ein. Wilhelm Reich nannte dieses Phänomen „Charakterpanzer“. Wir lernen früh uns zu panzern und damit lernen wir auch, immer weniger zu fühlen. Und wenn wir nicht mehr fühlen, können wir auch nicht mehr mitfühlen, weder mit anderen Menschen noch mit allen anderen Lebewesen.

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