Heute Nacht warf ich einen Blick aus dem Küchenfenster und wunderte mich über den sehr hellen Himmel hinter dem Schuppen. Wie konnte das sein? Am Vortag hatten wir doch Neumond und hier gibt es keine Beleuchtung im weiten Umkreis. Ich ging also in den Garten. Im Osten leuchtete es magentafarben, ebenso im Westen. Zwischen beiden Feldern, die sich langsam bewegten, zog sich ein hell leuchtender Bogen über die ganze nördliche Himmelshälfte. Als ich mich nach Süden umdrehte, sah ich fluoreszierende weiße Streifen parallel zum Horizont, die wie Risse im Himmel plötzlich entstanden und dann wieder verschwanden um wenig später erneut aufzutauchen. Das Rot und ein waberndes weißes Licht über dem ganzen Nordhorizont waren in ständiger Bewegung, sehr langsam, fast unmerklich.
Es war eiskalt. Die Landschaft lag mit weißem Raureif überzogen da, die Sterne schauten vom Himmel. Es war vollkommen still. Ein Teil von mir sehnte sich nach der Wärme des Feuers im Haus. Vielleicht sollte ich schnell reingehen und meine Kamera holen. Aber ich konnte nicht gehen; ich war völlig gebannt. Ich wusste, daß hier etwas Großes geschah, etwas im Grunde Unbeschreibbares. Wenn ich jetzt schreibe, ich fühlte mich in einem heiligen Raum, ist das lediglich einen Annäherung an das, was ich empfand.
Irgendwann ging ich rein, machte alle Lampen aus und beobachtete durch die Fenster das langsame Entstehen und Vergehen der magentafarbenen Felder am Himmel. Als ich schließlich ins Bett lag, konnte ich lange nicht einschlafen.

Mein erstes Polarlicht habe ich 1994 im finnischen Teil von Lappland gesehen. Mein damaliger Mann stand auf der Terasse des Häuschens, in dem wir wohnten und rief mich nach draußen. An seiner Stimme hörte ich, daß ich sofort kommen musste. Da standen wir und sahen riesige grüne Lichtvorhänge am Himmel, die sich auf und ab bewegten. „Was ist das?“ fragte J. und dann wussten wir es beide.
Die physikalische Erklärung dafür ist bekannt: Sonnenstürme schleudern elektromagnetische Teilchen in die Erdatmosphäre. Aber das ist nur eine von vielen Wahrheiten. Die Völker der Zirkumpolarregion in Kanada, Alaska, Grönland, Island, Skandinavien, Sibirien haben viel regelmäßiger mit ihnen zu tun als wir in den südlicheren Breiten. Der gestrige Sonnensturm muss schon außergewöhnlich stark gewesen sein. Mein Opa hat von Polarlichtern in der Lüneburger Heide während des zweiten Weltkrieges erzählt. Manche Menschen nehmen das als schlechtes Omen. Für die Samen in Lappland sind Polarlichter Äußerungen ihrer Ahnen.
Da ich alles für lebendig und beseelt halt, glaube ich auch, daß die Sonne eine Wesenheit ist, die uns wahrnimmt und mit uns kommuniziert. Nur haben wir dank fast zwei Jahrtausenden kirchlicher Gehirnwäsche und zunehmender Abtrennung von der Natur, u. a. durch die Wissenschaften, unsere Fähigkeit verloren, Sprachen anderer Lebewesen zu verstehen. Wobei verloren nicht das richtige Wort ist: kein Wissen geht je verloren, es verschwindet nur im Untergrund. Aber tief im kollektiven Gedächtnis ist es noch abgespeichert und wenn wir wollen, können wir lernen darauf wieder zurückzugreifen. Und der erste Schritt dahin ist, es für möglich zu halten. Davon bin ich überzeugt.

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