Die eigene Geschichte

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Die Edda und andere Zeugnisse unserer Vergangenheit

David Seven Deers‘ Satz „Erzählt euch doch eure eigenen Geschichten“ wirkt in mir nach. Tatsächlich beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit unserer eigenen europäischen Geschichte. Nur ist mir erst durch ihn bewusst geworden, wie sehr diese durch die christlichen Geschichten überlagert und verdrängt wurden. Für uns in Deutschland kommt dazu, daß es infolge unserer nationalsozialistischen Vergangenheit völlig verpönt ist, sich mit allem Germanischen zu beschäftigen. Aber die alten Geschichten können nichts dafür, daß sie von den Nazis für deren Zwecke benutzt wurden.

1982 kaufte ich mir die Edda in der Übersetzung von Karl Simrock. Was mich damals dazu brachte, weiß ich nicht mehr. Seitdem habe ich sie viele Male gelesen, später auch in der Übersetzung von Felix Genzmer. Wer sich damit beschäftigen will, dem kann ich auch Germanische Göttermythen von Vera Zingsem sehr ans Herz legen. Das ist eher eine Nacherzählung, während in den beiden erstgenannten die für die Skaldendichtung wohl typischen Stabreime und das Versmaß bei der Übersetzung aus dem Isländischen berücksichtigt wurde. Trotzdem sehr schön zu lesen.

Die Edda wurde um 1200 von dem isländischen Gelehrten Snorri Sturluson aufgeschrieben. Während die Christianisierung in Mitteleuropa mit brutaler Gewalt durchgesetzt wurde, die heiligen Haine zerstört, die heiligen Bäume gefällt und durch Karl, den sogenannten Großen, im Namen der christlichen Religion Hunderttausende Sachsen abgeschlachtet wurden, flüchteten viele Menschen in den Norden. Dort haben sich die alten Geschichten deshalb am längsten gehalten. Was bei uns in dieser Zeit geschah, zeigt viele Parallelen zum Schicksal der amerikanischen Ureinwohner. Wir sind buchstäblich von unseren historischen Wurzeln abgeschnitten worden. Inquisition und Hexenverbrennungen haben ein Übriges getan. Ich habe in der Schule zwar gelernt, welche Kriege die Römer und andere Mittelmeervölker geführt haben – davon ist nur der sinnfreie Spruch „Drei drei drei, bei Issos große Keilerei“ bei mir hängen geblieben – und im Religionsunterricht die Geschichte des Predigers aus Nazareth, aber nicht, was unsere Ahnen geglaubt und wie sie gelebt haben.

Die Edda erzählt von den Asen und den Wanen, wobei es sich bei den Asen um Kriegerstämme aus der asiatischen Steppe handelte, die Wanen hingegen von einigen Historikern als die friedliche megalithische Urbevölkerung definiert werden. Eine Seherin prophezeit den Untergang unserer Welt, die Ragnarök, aus dem dann eine neue Erde hervorgeht. Ähnliche Szenarien kennen wir auch aus anderen Mythologien und Texten wie der Offenbarung des Johannes. Aber es finden sich in der Edda auch Hinweise auf viel ältere Schichten: da ist ewa von den Riesen die Rede, die älter als die Götter sind. Zu ihnen gehören auch die drei Nornen, Schicksalsgöttinnen, die an einer der Wurzeln des Weltenbaumes leben und zu der alle Götter täglich herabsteigen, um Rat zu halten. Die Nornen sind die Gestalten, denen ich mich persönlich verbunden fühle. An sie wende ich mich, wenn ich Rat brauche.

Unsere eigene Geschichte finden wir auch in Märchen und regionalen Sagen wieder, z. B. in den von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen. Eins meiner Lieblingsmärchen ist Frau Holle. In Das Waldhaus, Brüderlein und Schwesterlein und Die sieben Raben gibt es noch Reste der alten animistischen Weltanschauung, wenn auch überlagert und verfälscht durch Moralvorstellungen des 19. Jahrhunderts.

Marija Gimbutas und Alteuropa

Wir können sogar noch weiter in unserer Geschichte zurückgehen, auch wenn es aus dieser Zeit keine schriftichen Zeugnisse gibt. Die Archäologin Marija Gimbutas aus Litauen hat sich mit viel Leidenschaft und Akribie mit Jahrtausende alten Zeugnissen beschäftigt – Siedlungen, Wandbildern, Keramiken, Skulpturen, Knochenfunden, Wandbildern – und daraus Schlüsse über die Lebensweisen der alteuropäischen Kulturen ziehen können. Zur Zeit lese ich gerade ihr Buch Die Zivilisation der Göttin, das ich mir antiquarisch besorgt habe. Sie hat noch weitere Bücher geschrieben, von denen ich Die Sprache der Göttin und The Godesses and Gods of Old Europe vor Jahren gelesen habe. All ihre Bücher sind mit schönen und aussagekräftigen Zeichnungen versehen. Beim Lesen und Ansehen geht mir jedes Mal das Herz auf: Es hat mal eine Zeit auf unserem Kontinent gegeben, als Kriege völlig unbekannt waren. Anders als uns immer wieder erzählt wird, ist Krieg nicht in unserer DNA angelegt. Und wenn wir uns dessen einmal bewusst sind, erscheint es mir möglich, wieder dahin zu kommen. Dazu fällt mir der gar nicht so alte Spruch ein: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.

Noch ein weiterer Buchtipp: Der Brunnen der Erinnerung von Ralph Metzner. Ich habe es kürzlich mal wieder gelesen und finde es sehr, sehr schön. Ja, es geht darum uns zu erinnern. Nichts ist für immer verloren, alles ruht lediglich unter einer Decke des Vergessens und wartet darauf wiederentdeckt und wiedererweckt zu werden.


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