… und allmählich scheine ich mich an die Kälte zu gewöhnen. Eigentlich möchte ich gern in meinen vier Wänden bleiben und am warmen Ofen sitzen. Aber es muss Holz gehackt und ins Haus gebracht und die Asche im Garten verstreut werden. Ab und zu muss auch eingekauft werden. Die Möhren und Rote Bete, die im letzten Jahr so reichlich gewachsen sind und die ich in einer Wanne mit Sand im Schuppen gelagert hatte, sind erfroren.

Letzte Woche lud B., die Geburtstag hatte, zu einem Filmabend ein. Wir fuhren bei Eis und Glätte nach Kiel zur Pumpe und sahen dort den Film Silent Friend. Der hat mir sehr sehr gut gefallen. Als ich am Anfang erfuhr, daß die Vorstellung über zwei Stunden dauern sollte, hatte ich Bedenken, ob ich so lange stillsitzen könnte. Aber dann nahm mich der Film völlig gefangen.
Es gibt drei Erzählstränge, die in verschiedenen Zeitepochen stattfinden. In allen drei Strängen spielt ein uralter Gingkobaum im Botanischen Garten der Marburger Uni die zentrale Rolle. Eine junge Frau fängt Anfang des letzten Jahrhunderts als erster Frau ein Botanikstudium an. In den frühen 70er Jahren treffen sich Studenten unter dem Baum und erleben die wilde nach-68er Zeit. Der dritte Strang findet 2020 statt: ein chinesischer Hirnforscher kommt zu einer Gastprofessur an die Marburger Uni. Kurz nach seiner ersten Vorlesung wird der erste Lockdown verhängt. Der Professor wohnt jetzt allein im Gästehaus der Uni, immer von Ferne misstrauisch vom Hausmeister beobachtet. Aus dem Fenster kann er den Gingko sehen. Er führt Videotelefonate mit einer Botanikerin und wird durch sie animiert, die Sprache des Gingkobaums aufzunehmen und verstehen zu lernen.
Ich erzähle nicht, wie es weitergeht. Der Film ist über weite Strecken sehr ruhig, meditativ. Es gab in mir oft eine große Resonanz, wenn es darum ging, Pflanzen wahrzunehmen oder irgendwie zu fühlen, daß sie uns wahrnehmen. Es ist ein in Korrespondenz gehen. Aber wie soll ich es beschreiben? Es muss erlebt werden.

Ein paar Szenen warfen mich unangenehm in die C-Zeit zurück: immer wenn der chinesische Forscher und der Hausmeister ihre Maske aufsetzten.

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